Zum 90. Geburtstag des DIW
Die zweimal gewendeten Keynesianer

Das DIW war lange das führende Institut der nachfrageorientierten Ökonomen – bis es auf Angebotspolitik umstellte. Zum 90. Geburtstag des DIW fühlen sich die Forscher auf gleicher Distanz zu den Denkschulen am wohlsten.
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Zwei Jahre nach seiner Gründung erfand 1927 ein Forschungsinstitut aus Berlin den „Schweinezyklus“: Wenn die Preise für Schweinefleisch steigen, vergrößern die Bauern ihre Ställe. Ein paar Jahre später produzieren sie so viele Schweine, dass die Preise sinken, woraufhin die Bauern wieder weniger Schweine züchten, und die Preise steigen. Die Beschreibung des Zusammenspiels zwischen Angebot und Nachfrage, den das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in der Landwirtschaft erstmals beschrieb, findet sich bis heute in ökonomischen Lehrbüchern.

Zu seinem 90. Geburtstag am 1. Juli verfügt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit seinem „Sozio-ökonomischen Panel“ über die wohl beste Datenbasis über die Lebensbedingungen in Deutschland. Und es überstand im letzten Jahrzehnt im eigenen Haus einen heftigen Streit zwischen neuen Neoliberalen und den traditionellen Keynesianern, die das Berliner Institut in der Nachkriegszeit geprägt hatten.

Deutschlands letzter Keynsianer Gustav Horn, heute wissenschaftlicher Direktor des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstituts IMK und ehemaliger Konjunkturchef des DIW, stellt bei dem Forschungsinstitut wieder eine größere Offenheit auch für Einsichten abseits der rein angebotsorientierten Wirtschaftspolitik fest, seit Marcel Fratzscher 2013 die Präsidentschaft übernahm. „Aber als Hort des Keynesianismus kann man das DIW sicher nicht bezeichnen“, urteilt er. Einen solchen gebe es unter den großen Instituten in Deutschland, die dem öffentlich geförderten Leibniz-Forschungsverbund angehören, nicht mehr.

Aber zum Hort der Angebotspolitik ist das DIW eben auch nicht geworden. Dass das Verdrängen keynesianischen Gedankenguts kein Fortschritt, sondern ein Problem sei, versucht Horn am Beispiel der Krise von 2008/09 deutlich zu machen. Damals hätten sich die deutschen Ökonomen lange mit großer Mehrheit gegen die letztlich doch verabschiedeten und erfolgreichen Konjunkturprogramme ausgesprochen.

Das Absterben des keynesiansichen Gedankenguts in den Leibnitz-Instituten spiegelt für Horn die Entwicklung an den Lehrstühlen wider, wo es fast keine Keynesianer mehr gebe. Beim DIW war der Anfang vom Ende des Keynesianismus der Abgang von Präsident Lutz Hoffmann im Jahr 1999. Ihm folgte Klaus F. Zimmermann, der gleichzeitig Präsident des arbeitgebernahen Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) war und noch ist. Im Streit über die von Zimmermann kräftig unterstützte Agenda 2010 verließ Horn schließlich mit einer Reihe von Mitarbeitern seiner Abteilung das DIW und gründete mit dem Geld der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung das IMK.

In der Folge flog das DIW aus dem exklusiven Kreis der Institute, die für die Bundesregierung die Konjunkturprognose erstellen. Zimmermann wiederum musste das DIW verlassen, nachdem seine Expansionspläne in die USA in einer Finanzaffäre endeten. Interimschef Gerd Wagner erbte ein Institut in Aufruhr – das nach dem großen Aufräumen aber wieder in den erlauchten Kreis der regierungsamtlichen Konjunkturforscher zurückgekehrt ist.

Seit Fratzscher das DIW leitet, ist dort offenbar die Zeit jeglicher Orthodoxie vorbei. Für mehr Investitionen – öffentliche wie private – setzt sich das DIW seither ein. In der ideologie-geneigten deutschen Mindestlohn-Debatte bemühen sich die Forscher um einen klaren Blick auf die tatsächlichen Auswirkungen auf Deutschlands Wirtschaft und stellen fest: Bisher sind sie weder positiv noch negativ nachweisbar. In der Debatte um Staatsanleihekäufe durch die Europäische Zentralbank wurde Fratzscher, der zuvor EZB-Abteilungsleiter war, als Befürworter der EZB-Politik zum Gegenspieler von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn.

Das DIW heute setzt weiter seinen Schwerpunkt neben der Konjunkturforschung auf Fragen der Verteilung des Wohlstands. Forschungen zur Erbschaftsteuer mit dem Fazit, sie breiter zu erheben, gehören dazu – Forderungen nach einer Vermögensabgabe, die das DIW noch im letzten Wahlkampf unterstützte, eher nicht mehr.

Zur 90-Jahr-Feier lobte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) das DIW als „gefragten Gesprächspartner von Politik und Medien“ und lobte seine wissenschaftliche Kompetenz. Und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) ist stolz, dass das mit 200 Mitarbeitern größte Wirtschaftsforschungsinstitut in seiner Stadt seine Heimat hat.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin

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