Neue BIP-Berechnung
Guten Morgen, wir sind reicher!

Der geschrumpften Wirtschaftsleistung zum Trotz: Deutschland ist über Nacht um 80 Milliarden Euro reicher geworden. Denn das Bruttoinlandsprodukt wird neuerdings ohne moralische Brille gemessen – mit spürbaren Folgen.
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DüsseldorfMorgenstund hat Gold im Mund. Wer an Sprichwörtern zweifelt, wird heute eines Besseren belehrt: Deutschland ist über Nacht um viele Milliarden reicher geworden – zumindest, wenn es nach der Statistik geht. Allerdings ist dieses Wunder einmalig. Der Grund für die Einkommensvermehrung ist eine Umstellung in der Statistik.

Am heutigen Donnerstag hat das Statistische Bundesamt zum ersten Mal Zahlen zum Bruttoinlandsprodukts (BIP) im zweiten Quartal nach einer neuen Berechnungsmethode vorgestellt. Damit setzt das Statistikamt die Regeln des „Europäischen Systems der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung“ (ESVG) von 2010 um. Alle BIP-Zahlen ab 1991 wurden nach oben revidiert. Der Statistik-Effekt macht etwa 80 Milliarden Euro oder etwa drei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus.

Gleichzeitig ist jedoch das BIP im Vergleich zum Vorquartal um 0,2 Prozent zurückgegangen. Der Rückgang erklärt sich dadurch, dass alle BIP-Zahlen ab 1991 nach oben revidiert und auf die neue Berechnungsmethode umgestellt wurden.    

Die neuen Regeln sind ab 1. September europaweit vorgeschrieben. Deutschland gehört zu den Vorreitern. Im März waren bereits die Niederlande und im Mai Frankreich vorgeprescht. Unterm Strich werden durch die Änderungen mehr Leistungen im Bruttoinlandsprodukt erfasst. Zum Beispiel Prostitution, Drogenhandel und Zigarettenschmuggel. Dadurch steigt insgesamt die Wirtschaftsleistung.

„Grundsätzlich soll das Bruttoinlandsprodukt die gesamte Wirtschaftsleistung erfassen, unabhängig von einer moralischen Wertung“, sagt Norbert Räth, Leiter der Gruppe Inlandsprodukt beim Statistischen Bundesamt. „Für die Erfassung von Spezialfällen, wie zum Beispiel des illegalen Tabak- und Drogenhandels, hatten wir in Deutschland bisher keinen statistischen Ansatz. Durch die Umstellung wird dies nun auf europäischer Ebene vereinheitlicht.“

Zur Schätzung des Zigarettenschmuggels wird zum Beispiel eine Abfallstudie des Deutschen Zigarettenverbands herangezogen. Hierbei werden mindestens 12.000 Zigarettenschachteln in circa 22 repräsentativ ausgewählten Standorten hinsichtlich ihrer Steuerzeichen analysiert. Wie stark die Einbeziehung der Schattenwirtschaft das Bruttoinlandprodukt (BIP) beeinflussen kann, zeigt das Beispiel Italiens. Als dort 1987 erstmals die Schattenwirtschaft in die Berechnung miteinbezogen wurde, stieg das BIP über Nacht auf einen Schlag um 18 Prozent.

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Kommentare zu " Neue BIP-Berechnung: Guten Morgen, wir sind reicher!"

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  • Hier ein weiterer interessanter Artikel zum Thema:

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/kommentar-die-mafia-als-wirtschaftsfaktor-13098429.html

    Unfassbar, mit welch akribischer Gewissenhaftigkeit hier die – anders kann man es nun wirklich nicht sagen - kollektive (Selbst)-Vera... ihrer Vollendung zugeführt wird.

    Wird es nicht doch langsam Zeit, dass alle mal anfangen, selbständig (= frei, d.h. unbeeinflusst und v.a. unabhängig, was andere von den Einsichten, zu denen man dabei kommt, halten) zu denken?

    Zum Beispiel, indem wir uns die Frage stellen, wen man mit diesen statistischen Taschenspielertricks eigentlich beeindrucken will und was genau damit bezweckt werden soll?

    Hier noch ein (überarbeiteter) Ausschnitt aus einem HBO-Kommentar von 04/14, der auch hier hinpasst:

    So naiv oder „verrückt“ es auch klingen mag:

    Das ganze von den Notenbanken – aus formalen Gründen bekanntlich über den Umweg Steuerzahler/Staatsverschuldung – letztlich für Bankenrettungsaktionen „gedruckte“ Geld wäre sicher weit besser in eine unmittelbare(!!) Bezahlung der Lieferanten und Anbieter von zahllosen dringend benötigten Gütern investiert (zu deren Finanzierung diverse UN-Organisationen bzw. die allgemein als seriös anerkannten Hilfsorganisationen regelmäßig dringende Hilfsappelle und Spendenaufrufe an die Öffentlichkeit richten (die meist weitgehend ungehört verhallen).

    Das Geld dafür könnte man beispielsweise mittels durch Zentralbankbürgschaften gedeckter Kredite auftreiben – überhaupt, man ist doch sonst auch immer sehr erfinderisch beim Entwickeln neuer Finanzierungsmodelle…?

    Das würde ja auch die Wirtschaft ankurbeln, oder?!!

    Diesen Planeten vor den – übrigens höchst kostenträchtigen - Folgen zu retten, die es zwangsläufig haben wird (und ganz offensichtlich mit stetig zunehmender Tendenz schon heute hat), wenn wir uns nicht bald mal auf eine an die heutige Realität angepasste Neu-Definition von „Wachstum“ einigen, ist aber angeblich zu teuer.

    Wer ist hier eigent

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Kann man den Politikgangstern und Systemmedien trauen?

    Schrumpft Europas Schuldenberg dank Rechentrick?

    Notenbankster und Politikgangster greifen immer wieder in die Trickkiste.

    Spätestens seit Ausbruch der Schuldenkrise sind die meisten EU-Staaten zum Sparen angehalten.

    Es darf nicht zum europäischen Standard werden, dass die Schulden höher sind als die Wirtschaftleistung (Schuldenquote 100% und höher).

    Auch soll dadurch eine Richtung eingeschlagen werden, die es den EU-Staaten ermöglicht, künftig unter der Defizitgrenze des Maastrichter Vertrages zu bleiben, die besagt, dass die Staaten maximal in Höhe von 3% des eigenen BIP neue Schulden aufnehmen dürfen.

    Nur leider ist hinsichtlich der Defizitgrenze der EU-Staaten eher der Wunsch Vater des Gedankens und folglich sieht die Realität anders aus.

    Künftig soll es aber wenigstens rechnerisch eine Entlastung geben:
    Ab September 2014 wird das BIP anders berechnet als bisher.

    Der daraus resultierende Effekt wird sein, dass das BIP der EU-Staaten über Nacht auf dem Papier steigen wird!!

    Die Folge dessen wiederum wird sein, dass der Schuldenstand im Verhältnis zum BIP sinken wird!

    Es handelt sich bei der ab September geltenden "Neuerung" um ein weltweit geltenden Rechentrick, der in den USA bereits seit dem vergangenen Jahr angewendet wird.

    Dort führte der Rechenrtrick dazu, dass die US-Wirtschaftsleistung auf dem Papier plötzlich um 3% höher ausfiel!

    Gleichzeitig sank die Schuldenquote des Landes um 2%!

    Das BIP der Euro-Länder soll nach Schätzungen von Eurostat im Durchschnitt Dank Rechentrick um 2,4% steigen!

    Für Deutschland gehen die Statistiker gar von einem Effekt von 3% aus.
    Das würde ein BIP-Wachstum von 82 Mrd. Euro bedeuten.

    Fazit: BIP-Wachstum basiert auf Rechentrick!

    Warum erfahren wir das so nicht von den Medien?

    Da sollte man sich mal die Frage stellen, wem gehören eigentlich die Medien?

    Jeder der das nicht versteht, sollte im Internet nach "Schuldgeldsystem" suchen.

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