Neues Forschungszentrum Neues Forschungszentrum in Paris

In Paris vereinen das Max-Planck-Gesellschaft und Sciences Po ihre Kräfte. Ergebnis ihrer Zusammenarbeit ist das neue Forschungszentrum "maxpo". Es erforscht Instabilitäten in marktwirtschaftlichen Gesellschaften.
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Die Bankenrettung seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist ein Forschungsthema. Quelle: dpa

Die Bankenrettung seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist ein Forschungsthema.

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ParisGut drei Jahre Vorarbeiten waren nötig, jetzt ist es soweit: Diese Woche wurde "maxpo" eröffnet, das erste gemeinsame Forschungszentrum der Max-Planck-Gesellschaft (MPI) mit der französischen Forschungseinrichtung Sciences Po. Der offizielle Titel von maxpo lautet etwas sperrig "Center on Coping with Instability in Market Societies". Sciences Po-Direktor Hervé Crès witzelte bei der Eröffnungsfeier, "coping with ist ja ein ziemlich unscharfer Begriff, ich glaube wir müssen aufpassen, dass die Instabilität der Wirtschaft nicht auf die Gesellschaften und Staaten durchschlägt, die sich damit auseinandersetzen". Inhaltlich geht es darum, Wandel und Verunsicherung in marktwirtschaftlichen Gesellschaften zu erforschen, die von wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Veränderungen ausgehen.

Studierende können in dem Forschungszentrum einen binationalen Doktorgrad erwerben. Angeschoben haben das Projekt Peter Beckert und Wolfgang Streeck vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung auf deutscher sowie der im April verstorbene Sciences Po-Direktor Richard Descoings und sein Nachfolger Hervé Crès auf französischer Seite. Alle haben oft und lange im Ausland gearbeitet, sind im Denken und in der Arbeitsweise ähnlich gestrickt und waren beziehungsweise sind persönlich gut miteinander bekannt. Gerade im deutsch-französischen Verhältnis, wo meist sehr unterschiedlich nationale Strukturen aufeinander treffen, ist eine Vertrauensbeziehung der Verantwortlichen unverzichtbar.

Den Wandel kapitalistischer Gesellschaften, speziell der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen deutschen Sozialen Marktwirtschaft oder auch Deutschland AG erforschen Streeck und Beckert sowie ihr Vorgänger Fritz W. Scharpf seit Jahrzehnten. Sie haben das Kölner MPI zu einer international anerkannten Größe bei der Analyse moderner Industriegesellschaften gemacht. In der jüngeren Vergangenheit und bereits lange vor der Finanzkrise kritisierten sie scharf eine destruktive Deregulierungspolitik, die gewachsene Strukturen nicht etwa schöpferisch, sondern ersatzlos zerstört.

Direktorinnen des Zentrums, das zunächst auf fünf Jahre angelegt ist, sind die Soziologin Marion Fourcade von Sciences Po und Cornelia Woll, die in Paris und Chicago studiert hat und seit 2006 ebenfalls an der französischen Elite-Uni unterrichtet. Die Arbeitsteilung, was die Forschung angeht, charakterisiert Woll flapsig so: "Marion kümmert sich um die Armen, ich um die Reichen." Ein Körnchen Wahrheit steckt darin: Fourcade hat sich in jüngster Zeit vor allem der Frage gewidmet, wie einkommensschwache Bürger mit wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit umgehen, welche Strategien sie entwickeln, um auf die Gefährdung ihrer Existenz zu reagieren. Das reicht bis zu speziellen Fragen wie dem Umgang mit und den Bedingungen für Konsumkredite.

Die stärksten Wirtschaften der Welt
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Das Weltwirtschaftsforum prüft jährlich die Volkswirtschaften der Welt auf ihrer Wettbewerbsfähigkeit und verteilt entsprechend Punkte. Dabei schnitten einige Schwellenländer ziemlich mies ab. Vor allem Argentinien (Platz 94) und Vietnam (75), das im Bild zu sehen ist, verloren deutlich an Boden, aber auch Malaysias (25) Aufholprozess stockt. In Argentinien, das eigentlich zu den 30 größten Volkswirtschaften der Welt gehört, leidet die Wirtschaft unter ineffizienter Bürokratie und dem mangelndem Wettbewerb auf dem Heimatmarkt.

Brazil Rio Up Next
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Ebenfalls im hinteren Teil liegen die BRIC-Staaten: Dabei konnte Brasilien immerhin vom 53. auf den 48. Platz springen. Indien hingegen rutschte von Platz 56 auf 59 und Russland verschlechterte sich von Platz 66 auf 67.

China World Markets
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Platz 29: China. Der rasante Aufstieg des chinesischen Wirtschaftsmodells kommt ins Stocken. So wird die Produktion des Landes in diesem Jahr deutlich langsamer wachsen als in den Jahren zuvor. Auch die Konkurrenzfähigkeit des Standortes China hat zuletzt gelitten – für China ging es daher drei Plätze nach unten. Für das Land, das so sehr auf seinen Status als Fabrikhalle der Welt angewiesen ist, birgt das große Gefahren. So haben die chinesischen Firmen zunehmend Probleme, neue Technologien zu adaptieren und gut ausgebildeten Nachwuchs für ihre immer komplexer werdenden Produktionsprozesse zu bekommen. Dennoch bleibt China mit weitem Abstand der wettbewerbsfähigste unter den BRIC-Staaten.

Spanien bemüht sich nach Abwertung um Gelassenheit
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Weit abgeschlagen liegen auch die Euro-Krisenländer: Die Zweiteilung Europas in einen starken Norden und einen schwachen Süden liegt auch an der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit der Krisenstaaten. Während aber Spanien (Platz 36) , Italien (von 43 auf 42) Portugal (von 54 auf 49) immerhin ihre Punktzahl verbessern konnten, rutschte Griechenland (von 90 auf 96) im Vergleich zum Vorjahr weiter ab.

S&P stuft neun Euroländer ab
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Die Gesamtpunktzahl der vier europäischen Länder verschleiert durchaus vorhandene Reformerfolge, die im Ranking aber überdeckt werden von der schlechten konjunkturellen Lage. So sind die Arbeitsmärkte inzwischen flexibler und die bürokratischen Hürden für Firmengründer verringert worden. Spanien und Italien profitieren darüber hinaus von der Liberalisierung ihrer Produktmärkte.

Ferienort Henne Strand in Dänemark
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Zu den überraschenden Verlierern in Europa zählen neben den Krisenländern Dänemark und Frankreich: Dänemark rutschte von Platz 8 auf 12 und somit aus den Top 10. Frankreich schaffte es nach Rang 18 im Vorjahr nur noch auf Platz 21. In Dänemark, dessen Staatssystem noch immer als weltweites Vorbild gilt, litt zuletzt vor allem das Bildungssystem, das in der Wirtschaft mittlerweile kritischer gesehen wird. Frankreich verfügt zwar über eine belastbare Infrastruktur, aber der Arbeitsmarkt gilt als völlig unflexibel und überreguliert.

Lee apologizes for abduction-rape of seven-year-old
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Der südkoreanische Präsident Lee Myung-bak kann stolz auf sein Land sein. Investmentstrategen setzen nämlich zurzeit große Hoffnungen in die sogenannten MIST-Staaten: Mexiko, Indonesien, Südkorea und Türkei. Nicht zu Unrecht, wie das Ranking des Weltwirtschaftsforums zeigt: Mit Ausnahme von Indonesien, das zwar seine Punktzahl halten konnte, aber vom 46. auf den 50. Rang abfiel, machten alle Länder einen mächtigen Sprung nach vorne. Südkorea rutschte sogar unter die Top 20 (von 24 auf 19), während Mexiko von Rang 58 auf Platz 53 kletterte.

Woll dagegen untersucht seit einiger Zeit die diversen Ansätze zur Bankenrettung seit dem Ausbruch der Finanzkrise, die Verteilung der dabei entstehenden Kosten auf verschiedene gesellschaftliche Schichten und auch die Frage, welche moralischen Kategorien dabei zum Tragen kommen. Sie kann aber auch aus dem Stegreif über Re-Regulierung und Basel III referieren.

Gerade weil die deutsche und die französische Politik oft sehr unterschiedlich reagieren und weil die beiden Gesellschaften zum Teil völlig anders aufgebaut sind, ist maxpo wohl eines der spannendsten Projekte der jüngsten Zeit. Welches Potenzial darin steckt, hat der Privatsektor schon erkannt – zumindest ein großes Unternehmen: Denn maxpo hat einen privaten Sponsor gefunden, die Versicherungsgesellschaft Axa. Sie finanziert einen Stiftungslehrstuhl. Axa hat ein ausgedehntes Programm zur Erforschung von Risiken, das von Umweltgefährdung bis zu gesellschaftlichen Risiken reicht. Der Forschungsgegenstand von maxpo passt dazu natürlich genau.

Sciences Po ist seit dem Tod von Descoings wachsenden Angriffen ausgesetzt: Die Elite-Uni hat viele Neider, die nach dem Tod des politisch gut vernetzten, aber auch selbstherrlichen Descoings ihre Stunde gekommen sehen.

 
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