Neues Gesetz
Wirtschaft in Japan kommt mit Delle davon

Wirtschaftswissenschaftler sehen noch kein Ende des seit fünf Jahren dauernden Aufschwungs in Japan – trotz kurzfristiger Gefahren für die Konjunktur. Denn ein neues Gesetz könnte die gute Stimmung trüben. Es soll den Immobilienmarkt regulieren und hat so unerwartete wie durchschlagende Auswirkungen.

TOKIO. „Die potenzielle Wachstumsrate bleibt in den kommenden Jahren auf dem derzeitigen Niveau“, sagt Takashi Omori, Chefökonom der UBS in Tokio. Für 2007 und 2008 rechnet er mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) knapp unter zwei Prozent. Die Regierung schätzt fürs laufende Jahr sogar ein Wachstum von etwas mehr als zwei Prozent.

Andere Wirtschaftsforscher senken ihre Prognosen dagegen gerade in diesen Tagen kräftig. Grund ist hauptsächlich ein neues Gesetz zur Regulierung des Immobilienmarktes, das ebenso unerwartete wie durchschlagende Auswirkungen hat. Strengere Auflagen für die Genehmigung von Bauprojekten sollten eigentlich einen klareren Rahmen für die Branche setzen. Im Mittelpunkt stehen jedoch neue Sicherheitsbestimmungen, die ein aufwendigeres Genehmigungsverfahren und zusätzliche Inspektionen nötig machen. Nach Inkrafttreten des Gesetzes im Juni fiel die Baunachfrage im Quartal von Juli bis September um spektakuläre 50 Prozent.

Für das Gesamtjahr erwarten Wirtschaftsforscher daher einen Rückgang bei der Zahl neuer Baustellen um 14 Prozent. Die 15 japanischen Wirtschaftsforschungsinstitute korrigierte daher im Durchschnitt das projizierte Gesamtwachstum für 2007 sogar auf 1,5 Prozent herunter, obwohl die Regierung bisher noch 2,1 Prozent annimmt. Die große Frage ist nun, ob die Bauvorhaben aufgehoben oder nur aufgeschoben sind.

Der Chef des großen Baudienstleisters JS erwartet mit Blick auf derzeit eingehende langfristige Aufträge eine Aufholjagd bereits für das Frühjahr 2008. „Ich glaube, dass die Bauinvestitionen wieder zunehmen, wenn die ersten Auswirkungen des neuen Gesetzes abklingen“, sagt auch Seiji Nakamura, Mitglied des Geldpolitikausschusses der Bank of Japan. Ökonomen halten für denkbar, dass die Wirtschaft 2008 um die Prozentpunkte mehr wächst, die sie in diesem Jahr wegen des Gesetzes verliert.

Unvermeidliches Thema bei Betrachtungen der Konjunktur bleibt zudem die Lage in den USA: Die Ausweitung der Krise um verbriefte Hypothekenkredite schwächt das Verbrauchervertrauen. „Dies könnte negative Auswirkungen auf die japanische Wirtschaft haben“, so Nakamura. In der Statistik finden sich erste Anzeichen: Japans Exporte quer über den Pazifik nahmen im Oktober bereits um 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat ab. Doch Ökonomen geben zum Teil schon wieder Entwarnung. Bisher sieht es so aus, als ob Asien sich gar nicht so viel um das Geschehen in Amerika schert und unbeschwert weiter wächst. Während das Geschäft mit den USA abnahm, erreichte Japans Gesamthandel im Oktober ein Rekordhoch 14 Prozent über Vorjahr. Die größte Nachfrage kam aus China, Russland und dem nahen Osten.

Zahlen des UBS-Ökonomen Omori belegen, dass dies kein Zufall ist, sondern der Trend: Eine Veränderung der Exporte nach Asien wirkt sich statistisch gesehen dreimal stärker auf Japans BIP aus als eine Veränderung der Ausfuhr in die USA. „Ein Nachlassen der US-Konjunktur hat vermutlich nur geringe Auswirkungen auf Japan“, folgert Omori. Asiens Weg in den Wohlstand sieht er als verlässliche Entwicklung über viele Jahre, was dem Technikland Japan Nachfrage sichert.

Das Forschungsinstitut Mitsubishi UFJ Research & Consulting prophezeit aus diesem Grund bis 2010 ein durchschnittliches reales BIP-Wachstum von zwei Prozent pro Jahr. Für die vier Jahre danach sagt es eine Abnahme auf 1,7 Prozent voraus, danach 1,5 Prozent. Trotz der Abwärtsbewegung bleiben der Wachstumsmechanismus voraussichtlich intakt, so die Forscher: „Die bisher nie da gewesen lange Ausdehnungsphase ist durch die Veränderungen des wirtschaftlich-gesellschaftlichem Umfelds im unliegenden Ausland möglich.“

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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