Neues Krugman-Buch
Abrechnung eines Besserwissers

In seinem neuen Buch erklärt Paul Krugman die Welt und die Krise. Dabei widerspricht er vor allem der Spardoktrin von Bundeskanzlerin Merkel. Er ruft zu einem radikalen politischen Kurswechsel auf.
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BerlinJede Zeit produziert ihre Stars. Was in Mode, Kunst und Literatur gilt, das gilt auch in der Ökonomie. Die Zeit der großen Krise ist die Zeit von Paul Krugman. Wie kein anderer bestimmt und polarisiert der amerikanische Nobelpreisträger die wirtschaftspolitische Debatte. Politisch links, ökonomisch ein Keynesianer - so wettert Krugman gegen die Republikaner in Amerika, die deutschen Sparkommissare in Europa und die aus seiner Sicht fehlgeleiteten Stabilitätsfanatiker der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.

Der Titel seines neuen Buchs, „Vergesst die Krise!“, das am Montag auf Deutsch erscheint, ist im Grunde ein Aufruf an die Politik, ihren Kurs radikal zu ändern. Wo Angela Merkel beschwörend ausspricht, was die deutsche Volksseele spürt, nämlich dass man die Schuldenkrise nicht mit neuen Schulden lösen kann, sagt Krugman genau das Gegenteil: Wir müssen noch mehr Geld ausgeben - und zwar viel mehr.

Einige Leser mögen an dieser Stelle aussteigen. Zu sehr widerspricht Krugman der herrschenden Meinung hierzulande. Das hieße jedoch, den kleinen bärtigen Mann und seinen Einfluss zu unterschätzen. Krugman bestimmt mit seiner Kolumne in der "New York Times" und seinem Blog "The Conscience of a Liberal" ganz wesentlich die wirtschaftspolitische Debatte im angelsächsischen Raum. Er gehörte zu den ersten Ökonomen, die Barack Obama nach seiner Wahl 2008 ins Weiße Haus einlud. Krugman hat bereits zu Beginn der Finanzkrise massiv für ein weltweites Konjunkturprogramm geworben, um eine weltweite Depression zu verhindern. Nicht nur Obama ist damals dem Ratschlag des Ökonomen gefolgt. Insofern wandelt Krugman durchaus auf den Spuren seines großen Vorbildes John Maynard Keynes. Der britische Ökonom hatte einmal trocken angemerkt, dass die meisten Politiker ohnehin nur das ausführen, was Ökonomen ihnen eingeflüstert haben.

Krugman hat jedoch auch das Ohr einer Öffentlichkeit, die weit über die Kreise seines Fachs hinausreicht. Wie vor einem Rockkonzert bilden sich in New York lange Menschenschlangen, wenn der Princeton-Ökonom seine Thesen öffentlich vorträgt.

Zu verdanken hat Krugman seine Popularität vor allem der Schärfe seines Intellekts und einer Schreibe, die selbst komplizierteste wirtschaftliche Zusammenhänge verständlich darzustellen vermag.

Wer nun jedoch einen eitlen, kraftmeierisch auftretenden Besserwisser erwartet, wird überrascht. Krugman ist zwar ein Besserwisser, aber einer, der im Gespräch die leisen Töne liebt. Er absolviert seine öffentlichen Auftritte am liebsten in Cordhose und mit offenem Hemdkragen. Krawatten sind ihm sichtbar unangenehm. Anders als andere "Weltökonomen" verschmäht er den Luxus und radelt lieber durch Berlin. Beim Stelldichein der globalen Elite in Davos hat man ihn noch nie gesehen.

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Abrechnung eines Besserwissers

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Provokateur mit scharfer Feder

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  • Die Ursache der Krise zu finden macht es erforderlich, die Charta von Athen auf den Prüfstand zu bringen.

    Die fiskalpolitischen Vorstellungen Krugmans haben den Vorteil, wirtschaftlichen Niedergang auszubremsen und große gesellschaftliche Spannungen in den führenden Industrienationen zu vermeiden. Für Bananenrepubliken ist das kein Rezept, so den Menschen dort nicht einmal die Bananen bleiben.
    So sehr es richtig ist, die Wirtschaft mit neuem Geld zu versorgen, so dringend ist es auch, den Verwendungszweck anzugeben. Das hat Obama unterlassen. Schlimmer noch, er hat denen das Geld überlassen, die ihn am heftigsten bekämpfen.
    Geld muss in jedem Fall erarbeitet sein. Wird im Vorgriff auf getane Arbeit Geld produziert, so ist es wie Weinpanscherei, es sei denn, die eigene Wirtschaft erhält einen langfristigen Marktvorteil durch neue Produkte, die den Vorgaben des Club of Rom entsprechen. Dabei geht es nicht nur darum, stoffliche Ressourcen zu sparen, es geht um die Vermehrung des Humankapitals und den Menschen überhaupt eine Zukunftsperspektive zu geben.
    Die industrielle Massengesellschaft hat ganz wesentlich den Glauben an das Wort verloren. Nur das vorzeigbare Beispiel und der damit verbundene persönliche Vorteil hat Überzeugungskraft. Mit der Gießkanne angelegte Neuerungen, die keine Strohfeuer sind, ist kaum geholfen. Sie greifen erst nach Legislaturperioden und soweit reicht kein Vertrauen.

    Der Erfolg muss innerhalb einer Legislaturperiode feststellbar sein und muss sich auf zukunftsfähige Wirtschaftszweige gründen. Dies ist nur über kleine überschaubare Sonderwirtschaftszonen in den Stadtteilen erreichbar. Diese Konjunkturpolitik ist selbsttragend und erfordert keine Förderung aus Steuermitteln.

    http://www.bps-niedenstein.de/

    Wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt bleibt dumm…

  • Zu Beginn der Eurokrise gabe es zwei Möglichkeiten: Sparen oder Geldschwemme. Obwohl Krugman und besonders auch Stieglitz immer die Staatsquote erhöhen wollen und dafür sogar Nobelpreise bekommen, behielten Sie hier recht. Die USA reagierten ohne Verzögerungen mit massiver Geldschwemme, als ihnen das Wasser bis zum Hals stand, die Katastrophenpolitik Japans in Erinnerung. Nun wird sogar schon über Zinserhöhungen in 2013 gesprochen und die Economy zieht langsam an.
    Europa ist Deutschland ( Michel, geh du voran...) Man reagierte (trotz Japan) typisch kleinkariert fast schwäbisch: Sparen bis der Arzt kommt. Grundfalsch. Das erkannte man plötzlich und setzte Monti ein, der eine Geldschwemme auslöste--- viel zu viel und viel zu spät. Vom Management des ESM etc ganz zu schweigen. Falscher kann es kein Firmenschef machen. Merkozy, Schäuble, Monti, Junker, allesamt gefährliche Nichtskönner ohne jedes Gefühl für Krisen. Schönwetterpolitiker, die den EU Bürger kaltlächelnd um den letzten Pfennnig bringen. Ein Feuerwehrmann brachte es auf den Punkt, als er von einer Häuserzeile sprach die komplett abbrannte: Schäuble-Areal.

  • Wir haben doch den Dummschwätzer Bofinger

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