Niedrigster Wert seit 1991
ZEW-Konjunkturbarometer fällt auf Rekordtief

Mit einem Rückgang hatten alle gerechnet. Dass er so deutlich ausfällt, überraschte dann aber doch: Die Konjunkturerwartungen der Analysten und Anleger sind regelrecht eingebrochen. Das wichtige ZEW-Barometer sank im Juli auf ein Rekordtief.

HB/doh BERLIN. Schlechte Stimmung bei den Finanzmarktprofis: Die ZEW-Konjunkturerwartungen sackten um 11,5 Punkte ab und liegen nun bei minus 63,9, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mitteilte. Das ist der niedrigste Stand seit Beginn der Umfrage im Dezember 1991.

„Der hohe Ölpreis, der starke Euro, die Krise in den USA, die Leitzinserhöhung der EZB und eine schwache inländische Konsumnachfrage dürften die deutschen Unternehmen in den kommenden sechs Monaten belasten“, hieß es zu der monatlichen Umfrage unter rund 300 Börsianern. Das schwierige Umfeld zeige sich unter anderem in den wiederholt rückläufigen Auftragseingängen. Angesichts des Auftragseinbruchs beim bislang starken Maschinenbau seien die Erwartungen der Experten nun auch für diese Branche deutlich gefallen.

„Die aktuellen Vorfälle bei den US-Hypothekenfinanzierern zeigen, dass die Finanzkrise noch lange nicht ausgestanden ist, erklärte ZEW-Präsident Wolfgang Franz. Dies verstärke die Sorgen der Finanzmarktexperten um die konjunkturelle Entwicklung für das nächste Jahr in Deutschland. „Presseberichte, nach denen die Quartalswachstumrate im zweiten Quartal negativ ausfällt, mögen die Stimmung zusätzlich belastet haben,“ sagte Franz.

Auch die Bewertung der aktuellen konjunkturellen Lage verschlechterte sich im Juli: Der Indikator sank um 20,6 Punkte auf 17,0 Punkte.

Mit einem derart starken Rückgang des ZEW-Barometers hatten die wenigsten gerechnet. Volkswirte waren bei den Erwartungen im Schnitt lediglich von einem Rückgang auf minus 55,0 Zähler ausgegangen.

„Die Zahlen sind sehr enttäuschend, die Erwartungen auf einem Allzeit-Tief", sagte Rainer Sartoris von HSBC Trinkhaus. "Auch der Ausblick ist sehr bescheiden. Es sieht also danach aus, dass uns die Wirtschaftsschwäche noch länger begleiten wird. Der starke Euro und der Ölpreis sorgen für Gegenwind. Wir haben die Einschätzung, dass uns die Konjunkturschwäche bis ins Jahr 2009 begleiten wird.“

Andreas Rees von Unicredit, sieht drei Gründe für den Einbruch: „Der wichtigste ist die Finanzkrise und die Vorgänge um Freddie Mac und Fannie Mae. Der zweite Grund ist, dass die deutschen Konjunkturzahlen in den vergangenen Wochen durchweg enttäuscht haben. Der dritte ist der Klassiker: Der Ölpreis hat ein neues Rekordhoch markiert. Die spannende Frage ist: Rutschen wir in eine Rezession hinein?“

Heinrich Bayer von der Postbank fasst die Lage folgendermaßen zusammen: „Dass die Börsianer nun sagen: „Von hier aus geht es runter', ist normal. Das Barometer liefert nur einen Hinweis darauf, dass es schlechter wird. Es sagt aber nicht, wie schlecht es werden wird. Lediglich eine Richtung wird vorgegeben.“

Bert Rürup: Mich überrascht Entwicklung nicht

Auch führende Ökonomen beurteilen den starken Rückgang des ZEW-Indexes relativ gelassen. "Mich überrascht die Entwicklung des ZEW-Indikators nicht", sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrates Bert Rürup dem Handelsblatt. "Das Barometer reflektiert die Stimmung an den Börsen und ist hoch volatil, mit realer Ökonomie hat der Indikator wenig zu tun." Wenn es nach dem ZEW-Index ginge, habe die deutsche Wirtschaft bereits 2006 in einer tiefen Rezession gesteckt. Damals hatte der Index tief im Minusbereich gelegen, obgleich der Wirtschaftsaufschwung beschleunigt hatte.

Der Dax reagierte kaum auf das ZEW-Barometer. Er befand sich bereits vor Bekanntgabe der Daten im Minus. Börsianern zufolge fürchten viele Anleger, dass das von der US-Regierung und der Notenbank geschnürte Rettungspaket für die ins Trudeln geratenen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac nicht ausreicht, um der Finanzkrise Herr zu werden.

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