Notenbank hat alle Trümpfe gespielt
Fed-Politik steht vor Bewährungsprobe

Die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) wird nach Ansicht von Experten die Leitzinsen auf ihrer Sitzung am Dienstag unverändert bei ein Prozent belassen. Nach einer Umfrage des Nachrichtendienstes Bloomberg unter 73 Ökonomen rechnet niemand mit einer Zinsänderung.

NEW YORK. „Die Fed hat ihre Trümpfe gespielt. Jetzt muss sie abwarten, ob sie auch stechen“, sagt David Wyss, Chefökonom der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P).

Diese Wartezeit ist für die amerikanische Geldpolitik zugleich eine Bewährungszeit. Führt die massive Liquiditätsspritze nicht wie gewünscht zu einem kräftigen und dauerhaften Aufschwung, steht Fed-Chef Alan Greenspan vor einem Scherbenhaufen seiner Geldpolitik.

Bislang läuft fast alles nach Greenspans Fahrplan. Die US-Konjunktur zieht kräftig an. Ob Auftragseingänge, Konsumklima oder Industrieproduktion – überall geht es aufwärts. Nach einer Umfrage des Wall Street Journal unter 53 US-Volkswirten wird das Wirtschaftswachstum in den USA im laufenden Quartal auf eine Jahresrate von 4,7 Prozent anziehen und mit vier Prozent auch im Schlussquartal ein hohes Niveau behalten. Das wäre der stärkste Zuwachs seit 1999.

Einzig der Arbeitsmarkt hinkt der wirtschaftlichen Erholung hinterher. Im August sank die Beschäftigung nochmal um 93 000 Stellen. „Der Arbeitsmarkt ist immer ein nachlaufender Indikator“, gibt zwar Bill Dudley, Chefökonom der Investmentbank Goldman Sachs zu bedenken. Dennoch sorgt man sich bei der Fed über den bislang beschäftigungslosen Aufschwung. Die steigende Produktivität, ein schwacher Arbeitsmarkt und die nach wie vor bestehenden Überkapazitäten könnten die Inflation auf ein unerwünscht niedriges Niveau drücken, warnte Fed-Gouverneur Ben Bernanke vor kurzem. Er wollte deshalb auch eine weitere Zinssenkung nicht völlig ausschließen.

Das Gespenst einer Deflation geistert also noch immer in den Köpfen der Notenbanker herum. Allerdings nimmt Greenspan das D-Wort nicht mehr in den Mund, nachdem er im Sommer damit die Finanzmärkte in Verwirrung gestürzt hatte. Die Terminmärkte rechnen nicht mehr mit einer weiteren Zinssenkung. Sie suchen vielmehr nach dem Zeitpunkt für die Zinswende nach oben. Rechneten die Marktteilnehmer bis vor kurzem noch mit der ersten Zinserhöhung im März 2004, haben sie ihre Erwartungen nach dem enttäuschenden Arbeitsmarktbericht für August weit in den Sommer nächsten Jahres verschoben. Die leichten Rückschläge bei den Einzelhandelsumsätzen im August und dem Konsumklima im September haben diesen Trend noch verstärkt.

Goldman-Ökonom Dudley erwartet die Zinswende nicht vor Mitte 2005. Die Notenbanker selbst halten sich bedeckt und betonen lediglich, dass die Zinsen auf „absehbare Zeit“ niedrig bleiben werden. Diese Zusicherung werden Greenspan & Co. vermutlich auch morgen wiederholen.

„Wie lange dauert die absehbare Zeit?“, fragt Paul McCulley, Fed-Beobachter bei der Kapitalanlagegesellschaft Pimco. Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass die Fed erst dann ihre Zügel wieder anziehen wird, wenn der Aufschwung auch den Arbeitsmarkt erreicht hat. Die Volkswirte von Goldman Sachs gehen sogar noch einen Schritt weiter: „Nach unserer Meinung wird die Fed abwarten, bis die Inflation wieder steigt“, schreibt Goldman- Ökonom Ed McKelvey im aktuellen Ausblick der Investmentbank.

Sollte dem von Greenspan vorhergesagten Aufschwung jedoch Ende kommenden Jahres wieder die Puste ausgehen, können die Experten ihre Zinsprognosen in den Papierkorb werfen. Dass es zu einem erneuten Konjunktureinbruch kommt ist zwar nicht wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen. „Die Aussichten sind kurzfristig gut, mittelfristig gibt es jedoch Risiken“, sagt Michael Mussa, Ökonom beim Institut for International Economics (IIE) in Washington. In der zweiten Hälfte 2004 würde die geld- und fiskalpolitische Stimulierung abebben. Ob die Wirtschaft dann genug Eigendynamik habe, sei eine offene Frage, sagt der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. Zudem könne eine abrupte Korrektur des hohen Leistungsbilanzdefizits der USA den Aufschwung bremsen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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