Notenbank-Posten: Warum in England ein Fall Sarrazin ausgeschlossen ist

Notenbank-Posten
Warum in England ein Fall Sarrazin ausgeschlossen ist

Thilo Sarrazin sitzt dank der Nominierung Berlins und Brandenburgs im sechsköpfigen Bundesbank-Vorstand. Experten kritisieren schon lange, dass bei diesem Prozedere die fachliche Eignung der Kandidaten häufig zu kurz komme, weil oftmals altgediente Politiker vorgeschlagen würden. Andere Länder sind da weiter, wie das Beispiel Großbritannien zeigt.
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LONDON. Als Adam Posen Mitte April 2009 seine Ausgabe der Zeitschrift “Economist“ durchblätterte, hätte der Wirtschaftswissenschaftler vermutlich nicht gedacht, dass er dort seinen neuen Job finden würde. Aber die Stellenanzeige des britischen Finanzministeriums stach ihm offenbar ins Auge: „Externes Mitglied für den geldpolitischen Ausschuss der Bank of England gesucht, stand dort zu lesen. Posen, stellvertretender Direktor des Peterson Institutes for International Economics, und einer der renommiertesten Makro-Ökonomen, bekam den Job, und seither bestimmt der Amerikaner in Großbritannien mit über Zinsen und Geldpolitik.

Die britische Zentralbank sucht bereits seit Jahren die Mitglieder ihres geldpolitischen Rats via Stellenanzeige auf der ganzen Welt, dabei war die altehrwürdige Bank of England (BoE) lange Jahre eine der politischsten Notenbanken überhaupt. Bis 1997 unterstand die Zentralbank der Regierung, und einmal im Monat setzten sich der Finanzminister und der Notenbank-Gouverneur zusammen, um gemeinsam über die Zinsen zu entscheiden.

Das änderte sich erst, als Labour die Macht von den Konservativen übernahm, und der damals frisch gebackene Finanzminister Gordon Brown als einer seiner ersten Amtshandlungen die BoE in die Selbständigkeit entließ. Browns Nachfolger Alistair Darling ging dann noch einen Schritt weiter und revolutionierte das Verfahren für die Rekrutierung der Top-Notenbanker im geldpolitischen Rat der BoE. Seither werden die vier externen Mitglieder des Rats durch eine öffentliche, internationale Ausschreibung gesucht.

Auch die Stellen des Gouverneurs und seiner beiden Stellvertreter sollen künftig auf diesem Weg besetzt werden. Ausgenommen sind nur die beiden Ratsmitglieder, die in der BoE für die Geldpolitik und die Marktoperationen zuständig sind.

Der Unterschied zur Bundesbank könnte größer kaum sein, denn für die Führungsposten bei der Bundesbank nominieren die einzelnen Landesregierungen abwechselnd ihre Kandidaten. Dieses System sei in Zeiten der Währungsunion völlig unzeitgemäß und provinziell und habe mit Ernst Welteke bereits einmal einen schwachen Bundesbank-Chef hervorgebracht, kritisiert ein Londoner Fondsmanager.

Aber auch bei der Europäischen Zentralbank (EZB) sind die Ernennungsvorschriften weniger liberal als in Großbritannien. Zwar sollen ihre Direktoriumsmitglieder „aus dem Kreis der in Währungs- oder Bankfragen anerkannten und erfahrenen Persönlichkeiten“ stammen, aber Amerikaner zum Beispiel dürfen sie nicht sein. Sie müssen Staatsangehörige des Euroraums sein.

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