Öffentlicher Aufruf

Ökonomen-Aufstand gegen Euro-Retter

Dutzende renommierte Wirtschaftsforscher laufen Sturm gegen die Politik der Euro-Retter. In einem Aufruf warnen sie davor, die Steuerzahler der soliden Länder Europas für die Schulden der Südländer bluten zu lassen.
Update: 05.07.2012 - 10:01 Uhr 180 Kommentare
Ein Euro-kritisches Graffiti in Berlin. Quelle: Reuters

Ein Euro-kritisches Graffiti in Berlin.

(Foto: Reuters)

BerlinDie Pläne der europäischen Staats- und Regierungschefs zur Bewältigung der Euro-Schuldenkrise sorgen für mächtigen Wirbel unter deutschsprachigen Ökonomen.  In einem Handelsblatt Online vorliegenden Entwurf eines Aufrufs gegen die unsoliden Südländer, der am Freitag veröffentlicht werden soll, machen weit über 150 Wirtschaftsforscher ihrem Ärger Luft. Unmissverständlich machen sie deutlich, dass sie die Entscheidungen des EU-Gipfels in der vergangene Woche, zu denen sich die Kanzlerin gezwungen gesehen habe, für grundfalsch halten.

Bei den zähen Verhandlungen hatten sich insbesondere die von der Krise schwer gebeutelten Südländer Italien und Spanien mit ihren Forderungen durchgesetzt: Aus Sorge vor einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone kam die Währungsgemeinschaft den beiden großen Volkswirtschaften entgegen. Sie lockerte ihre Bedingungen für Hilfen, öffnete die Tür für direkte Bankenzuschüsse aus ihrem Rettungsfonds ESM und kündigte an, mit einer zentralen Bankenaufsicht unter der Führung der Europäischen Zentralbank einen ersten Schritt zu einer Bankenunion gehen zu wollen.

Damit werde die Euro-Zone den Teufelskreis aus immer höheren Schulden und angeschlagenen Banken durchbrechen, hatte EU-Ratspräsident Herman van Rompuy nach Gipfelende erklärt. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel pochte zugleich darauf, dass auch in Zukunft alle Hilfen nur unter strikten Bedingungen gewährt würden. Die Regeln seien nicht aufgeweicht worden.

Die Professorenschaft, darunter renommierte Wissenschaftler wie Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Klaus Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Abeit (IZA) und Charles Blankart, Seniorprofessor für Öffentliche Finanzen an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium, glaubt den Zusicherungen der Kanzlerin allerdings nicht. Die getroffenen Vereinbarungen stoßen vielmehr auf energischen Widerspruch.

Aber es gibt auch Kritik an den Ökonomen. Der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, war gebeten worden, den Aufruf ebenfalls zu unterzeichnen. Er wies die Bitte aber brüsk zurück. Auf seiner Facebook-Pinnwand nennt er die Aktion erschreckend und spricht vom "Wahn deutscher Professoren". Horns Empörung kommt nicht überraschend. Mit Ifo-Chef Sinn liefert er sich schon länger eine Auseinandersetzung über die Bewertung und die Maßnahmen zur Bewältigung der Krise.

Das ist auch der Punkt, an dem die Ökonomen in ihrem Aufruf ansetzen. Dort heißt es: „Wir, Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftlerinne​n der deutschsprachigen Länder, sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge.“ Die Bankschulden seien fast dreimal so groß wie die Staatsschulden und lägen bei den fünf Krisenländern im Bereich von neun Billionen Euro.

Und weiter: „Es ist schlechterdings unmöglich, die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Schulden in die Haftung zu nehmen, zumal riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar sind.“ Wenn die Schuldner aber nicht zurückzahlen könnten, gebe es nur eine Gruppe, die die Lasten tragen könne: die Gläubiger selber, denn nur sie verfügten über das notwendige Vermögen und seien das „Investitionsrisiko bewusst eingegangen“.

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180 Kommentare zu "Öffentlicher Aufruf: Ökonomen-Aufstand gegen Euro-Retter"

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  • Bitte nicht resignieren! Nur gemeinsam können wir von der Basis her was verändern! Wer genug hat von den Märchenstunden der Politik, der muss sich jetzt endlich bewegen. Der deutsche Michel ist letharg - aber nicht blöd!

    Es gibt eine Alternative - eine neue Partei - "Die Alternative"!!!!!!! Ich denke, einbringen und mitmachen lohnt sich und befreit aus der Ohnmacht, auch wenn der Weg lang wird!

  • Für mich persönlich steht schon seit langer Zeit fest, dass sich auch Deutschland zwischenzeitlich in einer schlimmen (für mich über Generationen nicht mehr rettbaren) finanziellen Situation befindet. Zu den bereits genannten Schulden und Verpflichtungen/Bürgschaften kommen ja bestimmt auch noch diverse von weiteren hohen Schulden geprägte Schattenhaushalte die ausgelagert wurden noch hinzu.

    Wie bei einem Flugzeug dass wenn es beim Start den kritischen Punkt auf der Startbahn überschritten hat und damit den Start nicht mehr abbrechen kann, genau in dieser Situation, sehe ich unsere Regierung. Ob sie will oder nicht jetzt hängt sie im Schub der Triebwerke (ob diese brennen oder nicht)und muss mit in die Luft auf Gedeih und Verderb.

    Wenn sie klug ist leitet sie sofort eine kontrollierte Notlandung ein. Wenn es nicht kontrolliert und professionell erfolgt, dann erfolgt ein Crash mit all seinen Auswirkungen.

    Sollte die Notlandung nicht erfolgen (z.B. wenn der Pilot meint mit einer Düse weiterfliegen zu können), dann folgt als nächstes die europäische Einheitskranken- und Pflegeversicherung sowie auch eine europäische Rentenversicherung.

    Der Euro als solches ist für mich zwischenzeitlich eine Art Luftwährung da auch bei uns unser Sozial- und Wirtschaftssystem mit sehr viel "Luft" in Form von Schulden, prekären Arbeitsverhältnissen, vielen Versprechungen und Ankündigungen, Hetze im Arbeitsleben u.v.m., unterfüttert wird.

    Auf solch einen offenen Brief habe ich lange gewartet! Können sich so viele Wissenschaftler alle täuschen? Ich meine nein!

    Dass Herr Schäuble nicht gerade darüber erfreut ist, verstehe ich. Liegt doch der Bundesregierung sehr viel daran seinen Bürgern ein "wohles" Bild aufzuzeigen um Panik zu vermeiden.

    Die Lage für uns ist Ernst. Sehr ernst!

  • Danke für Ihre Antwort,
    aber wenn ich lese, das immer noch über 54% der Deutschen den Euro prima finden und denken, Deutschland sei der grosse Profiteur dieser EU, dann haben die Massenmedien einen guten Job in Desinformation und Manipulation gemacht.

    WIR, die "Belesenen" sind einfach zu wenig. Ich hatte neulich eine heftige Diskussion in meinen Freundeskreis um den ESM und den letzten Eurogipfel.

    Was soll ich sagen, ich habe aufgegeben. Selbst studierte Menschen die Zusammenhänge zu erklären, ist unmöglich und stört die Komfortzone.

    Totschlag-Argumente wie "warum steht es den nicht in der Zeitung oder Fernsehen" oder alles nur Verschwörungsblödsinn kriegen sie zu hören.

    Aber dennoch danke an das HB.

  • Den völligen Zusammenbruch des Währungssystems Euro wird niemand mehr aufhalten, denn wenn ein genetisch kranker Währungsverbund nicht den Weg aller genetisch kranken Systeme ginge, müsste man die Volkswirtschaftslehre zum Teil neu erfinden. Der Aufruf der Ökonomen ist aber dennoch sehr wichtig, weil er zeigt, daß die Wissenschaft sich hier zu Lande nicht mehr einbinden lässt in einen Verbund der großen Vermögensbesitzer aus Politik, Sachverstand und Wirtschaft, wie man unlängst noch in USA nachgewiesen hat ("Inside Jobs"): Der Kampf für die Freiheit der Wissenschaft, wie ihn Kant im frühen 18. Jhd. geführt hat, ist offensichtlich hier neu entdeckt worden. Ferner scheint jetzt doch "Vox populi" langsam zu begreifen, daß sich der Vorteil des Euro nicht nur darin erschöpfen darf, im Griechenland-, Frankreich- und Italienurlaub keine DM gegen Drachmen, Francs und Lire umtauschen zu müssen, sondern direkt Euros verwenden zu können, ohne Beachtung der Wertrelationen früher und jetzt, selbstverständlich. Und noch eins: Je eher die gigantischste Fehlentscheidung von 1998 in der Geschichte der Währungssysteme (Jaques Chirac) endlich korrigiert wird, desto billiger wird es für uns Steuerzahler, unsere Kinder, Enkel und Urenkel.
    Dem Handelsblatt Gratulation zur "Zeitung des Tages".

  • Bodenreform und Multikulti im Prinzip die europäische Frage und die der Zuwanderung/Osterweiterung als Belastungsfaktor der Sozialsysteme - Ökosysteme/Schonvermögen bei Hartz4.

    http://www.3sat.de/programm/?viewlong&d=20120705#2650
    http://dynip.name/20120625-2100-ecbint-rainbow.jpg

  • Aus dem Handelsblog:
    --------------------

    Auch der Mannheimer Ökonom Hans Peter Grüner argumentiert so:

    “Mir ist nicht klar, auf welche Entscheidung der Kanzlerin der Aufruf Bezug nimmt. Die genaue Ausgestaltung der Rekapitalisierungsoption steht noch aus. Ich finde es deshalb verfrüht, von einem Schritt in die “Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet” zu sprechen. Es ist von der Möglichkeit der Rekapitalisierung von Banken die Rede. Das ist etwas anderes.”

    http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/07/05/die-zwei-versionen-des-okonomenaufrufs/

  • @kognitiver
    "Der Pöbel ist auf dem intellektuell/kognitivem Level eines wirbellosen Tiers, also ausschliesslich reiz/schmerzgesteuert. Das perfide an den Verträgen ist, dass wenn es dem Michel wehtut, schon längst zu spät und unumkehrbar geworden ist."

    Da haben sie nicht ganz unrecht. Deswegen muss der Politik das Mittel der Bürgschaft und der beliebigen Geldmengenausweitung aus der Hand geschlagen werden.

    Das Fiat Geld ermöglicht es wie zB. bei Target2 die Korrelation von Ursache und Wirkung zeitlich zu verschmieren. Die Bürger werden so aufs übelste beschissen.

  • Ohne Wirklichkeitssinn glaubt das Schaf an Verträge mit Wölfen.
    In Hunger und Not reißt der Wolf das Schaf und sagt: Du kannst vom Grase leben, ich nur vom Fleische.

    Drum lernen wir: In der Not lesen wir nicht schön ausgedachte Verträge zwischen Schafe und Wölfen, sondern wir erfahren : Not kennt kein Gebot.

    Drum Michel-Schaf: halte dich fern den Wölfen, denn diese können nicht anders. Diese haben ein anderes "Geschäftsmodell".
    Der europäische Norden und die Mitte können grasen, der europäische Süden eher nicht.

  • Eigentlich müßten bei uns schon längst die Staatsanwälte tätig werden, denn was hier abläuft von den Politikern ist Hochverrat

  • Goldmann
    Ihre Texte, Ihre Einlassugnen sind super.
    Genau so ist es und so wird es kommen
    Wir sind längst verraten und verkauft.
    20 Jahre nach der Wende führen uns die alten SED-Kader wieder ins Unglück

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