Ökobilanz
Ist ungezügeltes Wirtschaftswachstum ein Umweltkiller?

Wird Wachstum zu einem Problem für die Umwelt? Das kommt drauf an. Der Mehrkonsum von Dienstleistungen beispielsweise ist kaum eine Belastung für das Klima. Was es bräuchte, wäre eine vernünftige Definition von Wachstum.
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Die Erderwärmung scheint zu belegen, dass die „Grenzen des Wachstums“ sehr nahe gerückt sind, vor denen der Club of Rome vor 40 Jahren zum ersten Mal gewarnt hatte. Doch das stimmt so nicht. Denn Wirtschaftswachstum ist nicht mit größerem Warenkonsum gleichzusetzen. Tatsächlich sind Konsumgüter, wenn man alle Produktionsstufen einschließlich Transport zusammenrechnet, energieintensiv und damit klimaschädlich. Weil der Ausstoß von Treibhausgasen eng mit der Verbrennung fossiler Energieträger zusammenhängt, ist es schlecht für das Klima, wenn mehr Waren produziert und verbraucht werden.

Im Gegensatz dazu verursacht der Konsum von Dienstleistungen zumeist nur geringe Umweltprobleme. Sofern Wachstum also im Mehrkonsum von Dienstleistungen besteht, stellt es ökologisch kaum ein Problem dar.

Selbst beim Warenkonsum kommt es sehr auf das Detail an. Beim Bruttoinlandsprodukt wird nicht unterschieden, ob wir in zehn Jahren zwei schlecht zusammengebaute Autos mit hohem Spritverbrauch verschleißen oder ein gutes mit niedrigem Verbrauch, das doppelt so teuer ist. Für die Ökobilanz ist der Unterschied dagegen sehr groß.

Um Wirtschaftswachstum und Ökologie auch buchhalterisch in Einklang zu bringen, müsste Wachstum vernünftig definiert werden. Es dürfte nicht jede wirtschaftliche Aktivität positiv verbucht werden, egal ob sie Werte schafft, Werte vernichtet oder Schäden aus anderen Aktivitäten behebt. Die Aufräumarbeiten nach der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon dürfte man nur zur Wirtschaftsleistung rechnen, wenn man gleichzeitig die Schäden aus der Explosion abzieht. Dafür wäre eine umfassende Vermögensbilanz nötig.

Kein Unternehmen käme auf die Idee, eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung ohne Vermögensbilanz zu präsentieren. Einnahmeüberschüsse, die durch Verzicht auf den Ersatz abgenutzter Maschinen oder durch Lagerabbau erzielt werden, sind keine Gewinne. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene ist eine solche Vermögensbilanz, die immaterielle Werte wie die Umweltqualität mit einschließt, natürlich viel schwerer aufzustellen als auf Unternehmensebene. Aber dass es keine nennenswerten Fortschritte in dieser Richtung gibt, ist enttäuschend. Eine näherungsweise Integration von Ökobilanz und Wirtschaftsrechnung würde kostspielige Irrtümer vermeiden helfen, wie sie viele etwa in der teuren Solarförderung sehen.

Fazit: Nur das sehr unvollkommene statistische Konstrukt Bruttoinlandsprodukt richtet die Erde zugrunde, wenn es ungebremst weiterwächst, sinnvoll gemessenes Wachstum ist dagegen immer erstrebenswert.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Ökobilanz: Ist ungezügeltes Wirtschaftswachstum ein Umweltkiller?"

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  • Die CO2-Treibhausblase ist doch geplatzt. Was soll denn so ein Artikel noch?
    Weshalb soll das Bruttoinlandsprodukt, eine nackte Zahl, die Erde zugrunde richten? (...)
    Ich verstehe nicht, wie sich das HB immer noch für so etwas hergibt. Wer gibt die Aufträge dazu?


    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Hallo,
    wenn weiterhin die "eingebaute" Obsoleszenz in Produkten dafür sorgt, dass für die Müllhalde produziert wird, ist der Umweltkiller ebenso korekt benannt wie mangelnder Verstand in der Industrie, aber auch beim Gesetzgeber.
    Es wird immer noch gehandelt (und gekauft) als gäbe es Ressourcen ohne Ende.

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