Ökonomen: Die Weltwirtschaft trotzt dem Japan-Desaster - noch

Ökonomen
Die Weltwirtschaft trotzt dem Japan-Desaster - noch

Die Angst vor einem Japan-GAU hat zu panischen Anlegerreaktionen geführt. Doch Ökonomen geben Entwarnung - zumindest für die Weltwirtschaft.
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DüsseldorfDie Chefvolkswirte der Dekabank, Commerzbank und Barclays Capital, Ulrich Kater, Jörg Krämer und Thorsten Polleit, bewerten das Konjunkturrisiko der drohenden Atomkatastrophe in Japan unterschiedlich. Die Börsen seien verunsichert, weil die potenziellen Schäden einer bereits eingetretenen oder noch zu erwartenden atomaren Verseuchung in Japan "absolut nicht absehbar" seien, sagte Kater Handelsblatt Online mit Blick auf die scharfen Anlegerreaktionen an Europas Aktienmärkten. Diese Unsicherheit zeige auch immer eine gewisse eigene Dynamik und Verstärkung. "Dabei treten in der Regel Übertreibungen auf, die nach Klärung der Lage dann wieder korrigiert werden." Wann diese Klärung möglich sei, hänge von den technischen Vorgängen in den betroffenen japanischen Atomkraftwerken ab. "In jedem Fall werden allerdings auch die wirtschaftlichen Folgen aller vorstellbaren Szenarien hauptsächlich die japanische Wirtschaft treffen", ist sich Kater sicher. "Die Weltkonjunktur wird hiervon weniger betroffen sein."

Ähnlich äußerte sich Commerzbank-Chefökonom Krämer: "Auch wenn Japan furchtbar getroffen ist, gehe ich nicht davon aus, dass die Weltwirtschaft aus dem Takt kommt", sagte er Handelsblatt Online. Schließlich betrage der Anteil Japans am Welthandel nur knapp fünf Prozent. "Aber solange das Risiko einer nuklearen Katastrophe nicht gebannt ist, ist die Unsicherheit riesig", fügte Krämer hinzu: "Das spiegelt sich natürlich in fallenden Aktienkurse wider."

Panische Anlegerreaktionen auf die Nachricht möglicher Atomlecks in dem japanischen Katastrophenreaktor Fukushima-Daiichi hatten den Aktienindex Nikkei in Tokio weiter auf Talfahrt geschickt. Die Welle aus Japan schwappte auch auf andere Handelsplätze über. Der Deutsche Aktienindex Dax ging am Dienstag zeitweise 5,5 Prozent nach unten und rutschte unter 6.500 Punkte. Am frühen Nachmittag lag der deutsche Leitindex mehr als 4,3 Prozent unter Vortagesschluss bei 6.567 Punkten.

Der Nikkei verlor erneut 10,6 Prozent und schloss bei 8.605,15 Punkten. Zeitweise erreichte das Minus sogar 14 Prozent. Am stärksten zeigte sich der Schock der Investoren, als Japans Ministerpräsident Naoto Kan mitteilte, aus den beschädigten Reaktoren sei radioaktives Material entwichen und weitere Lecks seien möglich.

Zusammen mit dem Minus von rund sechs Prozent am Montag hat der Nikkei den stärksten Zweitagesrückschlag in 40 Jahren hinnehmen müssen. Am stärksten gingen erneut die Kurse des für den Katastrophenreaktor verantwortlichen Betreibers Tokyo Electrical Power in die Knie. Die Papiere verloren 24,7 Prozent. Atomkraftwerksbauer Toshiba verlor 19,5 Prozent.

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  • Ein Dummer, den nicht begreift schreibt:
    Es gab mal einen Spruch, der da lautete: „Lieber rot als tot“.
    Sehe ich immer noch so. Möglicherweise kannst Du ja die
    bislang kontaminierten Japaner davon überzeugen, weiter an ihrer
    Kernkraft festzuhalten.

    Und was heißt hier Wohlstand? Dieser Zug ist vor zehn Jahren
    an mir vorbeigefahren. Die jährlichen zweistelligen Zuwächse
    haben doch nur die Konzerne gemacht.

    Aber so ist das mit unserer saturierten Gesellschaft: Alles kahlfressen nach dem Motto, „Nach mir die Sintflut“.

    Manchmal wünsche ich mir, wir wären wieder an dem Punkt angelangt, wo es ein Glücksgefühl wäre, eine kleine Kartoffel aus dem Boden gebuddelt zu haben.

  • Anne, geh doch putzen im AKW Fukushima, da kannsz Du richtig Kohle machen.
    250 usd / kwh? Bemerkenswert. Mein alternativer Stromanbieter nimmt nur 23 cent.

  • Die reinen Infrastrukturschäden durch die Erdbeben und Fluten in Japan dürften sich auf ca. 50 Mrd. Euro belaufen. Für eine Industrienation wie Japan verkraftbar. Die damit einhergehenden Produktionsausfälle durch Strom- und Infrastruktureinbußen dürfte ebenfalls nochmal mit 50 Mrd. Euro zu Buche schlagen. Das eigentliche Desaster ist aber der Atomgau. Sollte sich die Nuklearkatastrophe noch weiter ausweiten, könnte dies Japan den wirtschaftlichen Todesstoß geben. Bereits jetzt bunkern Bürger in Südostasien japanische Erzeugnisse, da sie davon ausgehen, dass zukünftige Produkte radioaktiv belastet sein könnten. Dieser Imageverlust könnte sich zum wirtschaftlichen Desaster auswachsen, denn wenn Menschen in aller Welt sich aus Angst japanischen Produkten verweigern, stände das exportlastige Land am Abgrund. Und wer möchte schon ein japanisches Auto, ein Handy oder einen Fotoapparat, der im Verdacht steht, kontaminiert zu sein? Nein, hier geht es nicht um tatsächliche Strahlenwerte, hier geht es um Psychologie. Und die kann brutal sein...

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