Konjunktur
Ökonomen drängen EZB zu Zinssenkung

Politiker und Ökonomen fordern die Europäische Zentralbank (EZB) auf, ihre umstrittene Zinserhöhung von Anfang Juli bald wieder rückgängig zu machen. So meldete sich CSU-Chef Erwin Huber mit Empfehlungen an die Notenbank zu Wort. Die EZB solle noch in diesem Jahr über Zinssenkungen nachdenken, sagte Huber der Zeitschrift "Euro".

HB FRANKFURT. Die anziehende Teuerung stehe einer Zinssenkung nicht im Wege. "Wir haben derzeit eine Inflation, die auf externe Effekte wie internationale Preissteigerungen zurückzuführen ist", sagte der CSU-Chef. Dass ein konservativer deutscher Politiker der unabhängigen EZB Empfehlungen ausspricht, ist ungewöhnlich.

Seit EZB-Präsident Jean-Claude Trichet den Zinsschritt Anfang Juni überraschend angekündigt hatte, entwickelte sich die Konjunktur im Euro-Raum sehr ungünstig, was den Währungsraum Analysten zufolge an den Rand der Rezession gebracht hat. Die Zentralbank begründete die Zinserhöhung mit der hohen Inflationsrate von zuletzt 4,1 Prozent. Doch Volkswirte rechnen wegen des stark gefallenen Ölpreises und der schwachen Nachfrage nun mit einem deutlichen Inflationsrückgang.

Chefvolkswirte kritisieren diesen Zinsschritt. So appellieren die Europa-Chefvolkswirte von Deutscher Bank und Lehman Brothers an die EZB, bereits auf der nächsten Sitzung der Notenbank am 4. September den Leitzins wieder zu senken. Die Akteure an den Finanzmärkten erwarten, dass die EZB die Zinsen senken wird - allerdings erst Anfang 2009.

"Die EZB hat mit der Zinserhöhung einen Fehler gemacht, den sie baldmöglichst korrigieren sollte", sagt Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, und drängt die Notenbank zu einer Zinssenkung bereits auf ihrer nächsten Sitzung am 4. September.

An den Finanzmärkten hat die Stimmung in den letzten Wochen gedreht. Seit 21. Juli ist die Rendite zweijähriger Bundesanleihen, ein guter Indikator für die Leitzinserwartungen des Marktes, um 66 Hundertstel auf unter vier Prozent gefallen. Der Leitzins liegt seit 3. Juli bei 4,25 Prozent. Selbst die Rendite zehnjähriger Anleihen liegt inzwischen unter dem aktuellen Leitzinsniveau.

"Die Konjunktur im Euro-Raum hat sich stark abgeschwächt, so stark, dass ich zwei Quartale in Folge mit schrumpfender Wirtschaftskraft voraussehe", meint Michael Hume, Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank Lehman Brothers. Auch er legt der EZB nahe, ihre "vorsorgliche" Zinserhöhung umgehend rückgängig zu machen. Weil der Ölpreis in den letzten sechs Wochen um ein Viertel nachgegeben hat, rechnet Hume damit, dass die Inflationsrate mittelfristig sogar deutlich unter die von der EZB angestrebten Zielmarke von knapp zwei Prozent fallen wird.

An den Finanzmärkten wird allerdings nicht damit gerechnet, dass die EZB bereits so bald einräumt, dass die Zinserhöhung von Juli sich im Zuge der neuen Datenlage als nicht mehr nötig oder gar ein Fehler herausgestellt hat. Die Kurse von Zinstermingeschäften zeigen die vorherrschende Erwartung an, dass die EZB ihren Leitzins erst im März 2009 wieder auf vier Prozent senkt.

Erik Nielsen, Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs, hält die Erwartung, dass es nur eine Zinssenkung geben werde, für wenig plausibel. "Falls das Wachstum längere Zeit niedrig ist und die Inflation deutlich zurückgeht, wird die EZB viel entschlossener reagieren, als es der Markt derzeit einpreist", warnt Nielsen. Allerdings ist dieses Szenario für ihn noch nicht das wahrscheinlichste.

Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank Barclays Capital, meint, die EZB sollte erst die Richtung ändern, wenn absehbar sei, dass ein nachhaltiges Umsteuern nötig ist. "Kontinuität in der Zinspolitik ist wichtig", argumentiert Callow und ist daher dagegen, dass die Notenbank die Zinsentscheidung von Juli, die auch er für falsch hielt, umgehend korrigiert. "Wenn die EZB so schnell umsteuern würde, würde das ihrer Glaubwürdigkeit schaden", warnt er.

Dagegen verteidigte die Bundesbank in ihrem am Montag veröffentlichten Monatsbericht die Zinserhöhung im Juli. Das schwächere Wachstum bedeute nicht, dass sich auch die Teuerung ausreichend abschwächen werde. Bundesbankchef Axel Weber hatte sich zuvor am deutlichsten für höhere Zinsen ausgesprochen.

Für Deutschland rechnet die Bundesbank im zweiten Halbjahr nur mit einem geringen Wirtschaftswachstum.

Die zunehmenden Zinssenkungserwartungen im Euro-Raum haben dazu beigetragen, dass der Euro seinen jahrelangen Höhenflug vorerst beendet hat. Sollte die EZB die Erwartungen enttäuschen, würde dies dem Euro vermutlich wieder Auftrieb geben.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%