Ökonomen grübeln

Volkswirte fürchten stärkeren Einbruch

Für 2012 haben fast alle Experten ein mäßiges Abflauen der Konjunktur prognostiziert. Doch das aktuelle Finanzmarkt-Chaos kommt überraschend - und gefährdet die bisherigen Rechenmodelle.
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Shoppingtour: Kurs-Talfahrt gefährdet Konjunkturprognosen. Quelle: dpa

Shoppingtour: Kurs-Talfahrt gefährdet Konjunkturprognosen.

(Foto: dpa)

Berlin2009 Rezession, 2010 Aufschwung, 2011 Boom mit Schuldenkrise. Aber was kommt 2012? Die Abstürze an den Finanzmärkten wirbeln die Rechenmodelle der Ökonomen durcheinander. „In so einer turbulenten Zeit ist es schwer, mit klarem Kopf eine Prognose zu machen“, sagt Chefvolkswirt Kai Carstensen vom Ifo-Institut. Zunächst müsse man zwei, drei Wochen abwarten. „Vielleicht hat sich dann schon einiges wieder erholt.“ Entscheidend ist nach Ansicht der Düsseldorfer IMK-Forscher, dass die Schuldenprobleme in der Euro-Zone und der USA gelöst werden. „Wenn jetzt die Börsen zusammenbrechen, würde es für das nächste Jahr ganz schlecht aussehen“, betont IMK-Direktor Gustav Horn.

Nach dem Konjunkturtief 2009 erholte sich die exportorientierte deutsche Wirtschaft überraschend schnell. 2010 gelang mit 3,6 Prozent das stärkste Wachstum seit der Wiedervereinigung. Für 2011 hatten die meisten Experten das zweite Boomjahr in Folge auf dem Zettel, mit einem Plus von 3,5 Prozent oder mehr. Das gewerkschaftsnahe IMK-Institut hat sogar vier Prozent vorausgesagt. Noch hält Horn an der Prognose fest - allerdings nur, wenn die Finanzmärkte in der zweiten Jahreshälfte nicht für einen Absturz der Konjunktur sorgen.

Für die Turbulenzen an den Börsen sieht Carstensen mehrere Gründe: „Der Aufschwung auch an den Aktienmärkten war von der Erwartung getrieben, dass sich die Weltwirtschaft unfallfrei erholt und dass die US-Wirtschaft wieder Tritt fasst.“ Diese Hoffnung sei ebenso enttäuscht worden wie die, dass die Staatsschulden-Probleme in den USA und Europa gelöst werden. Dies sorge für Unsicherheit. „Das schlägt natürlich auf die Investitionsfreude der Firmen und auf die Laune der Verbraucher, sich teure Sachen wie Autos zu kaufen“, sagt der Ifo-Experte.

Für 2012 hatte er wie alle Fachleute ohnehin ein deutliches Abflauen des Aufschwungs eingepreist - das Ifo prognostiziert nur noch ein Anziehen um 2,3 Prozent. „Vielleicht kommt die Verlangsamung jetzt ein bisschen stärker als gedacht“, betont Carstensen. Die Commerzbank kappte jüngst ihre Prognose bereits auf 2,0 von 2,5 Prozent, betonte aber, dies sei „für deutsche Verhältnisse noch immer ordentlich und wird sich gut anfühlen“. Viel dürfte abhängen von den aufstrebenden Märkten wie Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika (“BRICS-Staaten“). Sie sorgten in der Vergangenheit für viel Schwung in der globalen Nachfrage, verloren zuletzt aber auch deutlich an Tempo.

„Die entscheidende Frage für 2012 ist: Hat sich die Lage der Schwellenländern stabilisiert oder kommt es zum Abschwung“, sagt Deutschland-Chefvolkswirt Andreas Rees von der Bank Unicredit. „Die deutschen Firmen
sitzen noch auf einem riesigen Berg von Aufträgen.“ Dies werde in den nächsten Monaten noch helfen. „Im neuen Jahr könnte es ungemütlich werden.“

Diese Sorge ist bei den Exporteuren längst angekommen. „Wir spüren derzeit den Sand im Getriebe der Weltwirtschaft“, räumt der Präsident des Branchenverbandes BGA, Anton Börner, ein. Bremsspuren, die von der schwächeren US-Wirtschaft ausgingen, würden sich schon in den nächsten Monaten bemerkbar machen. Für den Wirtschaftsweisen Peter Bofinger ist noch nicht klar, ob die Binnennachfrage schon stark genug ist, um diese Lücke komplett zu schließen. „Für die nächsten Quartale sind in Deutschland relativ niedrige Wachstumsraten zu erwarten“, sagt der Würzburger Ökonomie-Professor zu Reuters Insider-TV.

Reine Schwarzmalerei wollen die Fachleute aber nicht betreiben. Ihre Rechenmodelle lassen immerhin auch optimistische Szenarien zu. „Wenn die Turbulenzen Ende der Woche durch sind, und sich die Börsen auf niedrigem Niveau einpendeln, dann sieht die Welt schon wieder anders aus“, sagt Ifo-Mann Carstensen. „Dann wären die Folgen für die Realwirtschaft begrenzt.“ Für einen Lichtblick sorgte auch die US-Notenbank. Mit ihrem Bekenntnis zur Nullzinspolitik stoppte sie am Mittwoch vorerst die zweiwöchige Talfahrt der internationalen Aktienmärkte.

  • rtr
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12 Kommentare zu "Ökonomen grübeln: Kurs-Talfahrt stellt Konjunkturprognosen in Frage"

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  • Schon in der Berufsschule hab ich VWL geliebt!
    Ein Fach für faule Schüler.
    Preisbildung/Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage, LOL

    Ökonomen tun so als wären die Regeln der Marktwirtschaft Naturkonstanten wie die Schwerkraft oder die Elementarladung. Dem ist nicht so.
    Genau diese Ökonomen füttern Computer mit diesen stilisierten Algorithmen und die Computer kaufen oder verkaufen unsere Fond-Anteile in Sekundenschnelle.

    Eine Zukunftsaufgabe liegt darin, zu verstehen, dass WIR MENSCHEN (und ich hoffe Ökonomen sind auch Menschen) selbst es sind, die als Konsumenten und in der Produktion Beteiligten die Wirtschaft gestalten.

  • "Ökonomen grübeln!" danke für meinen persönlichen Lacher des Tages!!!

  • Hier guckt ein Journalist endlich mal über den Tellerrand: Ja, die Konjunktur trübt sich ein. Und deshalb werden all die hehren Ziele von erfolgreichen Sparhaushalten in den Krisenländern Italien, Spanien, Portugal, Zypern, Irland, Griechenland aber auch Frankreich und Belgien im Licht der Wirtschaftsrealität zerbröseln. Die Volkswirtschaften von Frankreich und Italien sind schwerer angeschlagen, als viele immer noch glauben. Hier werden dieses Jahr wachsenden statt schrumpfende Haushaltsdefizite entstehen. Vielleicht wird man sie mit getürkten Statistiken und Schattenhaushalten kaschieren. Aber der Finanzmarkt wird sich diesmal nicht wieder täuschen lassen. - Und auch Deutschlands Leistungsfähigkeit und seine starken Solidaritätsschultern sind am Ende. Auch wir laufen mittlerweile Gefahr, in den Strudel der Abwertungen und Vertrauensverluste mit hineingerissen zu werden. Deutschland wird sein AAA-Rating nicht deshalb verlieren, weil die Finanzmärkte ihr Vertrauen in die deutsche Wirtschaft verlieren, sondern weil sie der naiven deutschen Politik zutrauen, dass sie in eine horrende oder sogar unbegrenzte Haftung für die Euroländer hineinstolpert.

  • das zufällig eine prognose von 100 richtig liegt, wer glaubt denn an so etwas? ich trinke unterschiedlichen kaffee und sehe dann in den kaffeesatz und äußere mich zum dax-stand am jahresende. ich treffe genau so oft - vlt sogar etwas besser - als die ökonomen mit ihren rechenmodellen. und wenn ich mal daneben liege, dann kaufe ich eben einen anderen kaffee. alles bestimmt preiswerter als die rechnung der ökonomen: nur mit dem identischen ergebnis.

  • Made in Germany ist International auf Ramschniveau angekommen . Dank Euro ! Ach Inflation haben wir keine , Dank Euro , nur dein Geld ist International nichts Wert .
    Unsere Gier nach Profit , wird für die Welt zu einem Problem .

  • Prognosen sind halt besonders schwierig wenn sie die Zukunft betreffen!

  • Wird Societe Generale die europäische Version von Lehman Brothers?

  • Diese Experten wissen vermutlich insgeheim mehr, als sie öffentlich machen dürfen. Überall wird auf Zeit gespielt, um die eigenen Schäfchen noch rechtzeitig ins Trockene zu bringen. Wasser predigen, Wein trinken - immer dasselbe böse Spiel ...

  • Die Ökonomen können rechnen bis sie schwarz werden - aus Vergangenheitsdaten bzw. Zahlenreihen lässt sich in turbulenten Phasen kaum mehr etwas ableiten.

    Was jedoch ebenso schwer wiegt, ist das Versagen der führenden ökonomischen Theorien, was mit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise offenbar geworden ist. Das bedeutet, die Ökonomen können die Wirtschaft und Marktprozesse, so wie sie sich heute darstellen, nicht zutreffend erklären.

    Und weil die ökonomische Theorie quasi der Interpretationsschlüssel für volkswirtschaftliche Daten ist, braucht man sich eigentlich über die geringe Halbwertszeit von Wirtschaftsprognosen wirklich nicht zu wundern.

    Was indes verwundert, ist, wie wenig von vielen Ökonomen bei der Präsentation ihrer Wirtschaftsprognosen darauf hingewiesen wird und wie ernst sie genommen werden. Immerhin gabe es ja auch im Jahr der Lehman-Pleite ein absolut entlarvendes Prognosechaos, bei dem die Prognosen im Wochentakt angepasst wurden.

    Die Ökonomen haben offensichtlich nichts daraus gelernt. Und ganz nebenbei, stellt sich dann doch auch die Frage: verstehen sie die Wirtschaft denn heute besser als vor drei Jahren? Das wir vermutlich niemand ernsthaft behaupten wollen.

  • "Doch das aktuelle Finanzmarkt-Chaos kommt überraschend - und gefährdet die bisherigen Rechenmodelle."
    Wo leben die denn? Das kommt doch nicht überraschend!

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