Ökonomen warnen
„Ein höheres Inflationsziel wäre verantwortungslos“

Was tun gegen die sich zuspitzende Staatschuldenkrise? Top-Ökonom Rogoff rät dazu, Schuldenberge mit Hilfe der Inflation abzutragen. Deutsche Experten halten das in der momentanen Krisensituation für brandgefährlich.
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DüsseldorfFührende Ökonomen in Deutschland haben davor gewarnt, angesichts der bedrohlichen Schuldenkrise in Europa und den USA, sich von den strengen Inflationszielen zu verabschieden. Ein entsprechende Forderung des der früheren IWF-Chefökonoms Kenneth Rogoff wies der Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen, als kontraproduktiv zurück. Die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB) sei schon von einigen Beobachtern in Zweifel gezogen worden. „Würde jetzt noch das Inflationsziel angehoben, würde sich die Unsicherheit schlagartig erhöhen“, sagte Carstensen Handelsblatt Online. Die Nominalzinsen würden nicht nur wegen der höher erwarteten Inflation steigen sondern auch, weil die Risikoprämien deutlich anziehen dürften. „Wir hätten also einen Zinseffekt, bevor die Inflation überhaupt gestiegen wäre“, warnte der Ifo-Experte. Dies würde die Refinanzierung von Staatsanleihen weiter erschweren.  „Glücklicherweise hat die EZB immer sehr klar gemacht, dass sie für derartige Experimente nicht zu Verfügung steht.“

Ähnlich äußerte sich der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. Die Wirtschaft leide bereits unter der hohen Unsicherheit, die von der Staatsschuldenkrise ausgeht. “Fachten die Zentralbanken jetzt noch die Inflationserwartungen an, würde die Vertrauenskrise vollends auch auf die Zentralbanken übergreifen“, sagte Krämer Handelsblatt Online. „Das wäre kontraproduktiv und verantwortungslos.“

Rogoff hatte in einem Interview dafür geworben, den Schuldenabbau zu unterstützen, indem über mehrere Jahre hinweg eine Inflation von vier oder sechs Prozent angestrebt werden solle. „Ich weiß, dass ich einen ungezogenen Vorschlag mache, aber wir erreichen einen Punkt, an dem die politischen Entscheidungsträger nur noch in den Giftschrank greifen können.“ Eine moderate Inflation wäre in der derzeitigen Situation eine große Hilfe, sagte der derzeit an der Harvard-Universität lehrende Wirtschaftsprofessor.

Rogoff spielt darauf an, dass Inflation in der Regel dem Schuldner hilft. Er muss zwar den gleichen Betrag zurückzahlen, das Geld ist aber weniger wert. Steigende Preise können sich zudem in Mehreinnahmen für den Staat niederschlagen - beispielsweise dadurch, dass die Mehrwertsteuer mehr Geld in die Kassen spült. Allerdings gilt zu starke Inflation auch als Risikofaktor für die Konjunktur. Sie verteuert Kredite für Unternehmen und Verbraucher und kann somit Investitionen und den privaten Konsum bremsen. Die EZB hat einen Zielwert von knapp unter zwei Prozent.

Die Rogoff-Idee ist nicht ganz neu. Schon im vergangenen Jahr hatte IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard Aufsehen erregt, als er den Notenbanken nahelegte, statt rund zwei Prozent künftig etwa vier Prozent Inflation zuzulassen. Er begründete seinen Vorschlag vor allem damit, dass bei einer höheren Inflationsrate der nominale Leitzins höher wäre und die Notenbanken so in Krisen mehr Spielraum hätten, die Geldpolitik zu lockern. Das dreiköpfige Forscherteam um Blanchard haben ihre Vorschläge in der Studie "Rethinking Macroeconmic Policy" zusammengefasst. Vor ihnen hatte auch schon Nobelpreisträger Paul Krugman in dieselbe Richtung gedacht. Bereits vor 11 Jahren empfahl Krugman der Bank of Japan (BoJ), im Kampf gegen die Dauerrezession ihr Inflationsziel auf vier Prozent anzuheben. Zusammen mit aggressiveren Zinssenkungen wäre die Japan-Krise nicht so heftig ausgefallen, zeigte auch der IWF-Volkswirt Daniel Leigh Ende 2009 in einer Simulationsrechnung.

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Rogoff: Jetzige Krise gibt es nur alle 75 Jahre

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  • Der Staat müsste nur für Spareinlagen bis 80000 Euro garantieren. Alle anderen bekommen einen haircut. Die Straßen wären leer. Oder glaubt hier einer, dass der gewöhnliche Demonstrant mehr als 80000 Euro auf dem Konto hat? Wohl kaum.

    Was wir hier erleben ist die illegale Rettung der Reichen, nicht der normalen Bürger. Das wird uns nur eingeredet!

  • Inflation zerstört die Sparguthaben der Menschen. Richtig ist es nichts zu tun und nicht zu helfen. Außer das ein paar gierige Großbanken hops gehen und viele Reiche einen haircut bekommen, wird auch nichts weiter passieren.

    Die Notzustände werden uns nur durch die sehr mächtige Bankenlobby eingeredet. Alles Märchen und Unsinn.

    Gier muß bestraft werden!

  • Bei der verdammten Politgarnitur heutzutage wird Rogoff mit den durchschnittlich 75 Jahren kräftig daneben liegen.
    Und schon wieder wird hier versucht, uns das Amt eines europäischen Präsidenten unterzujubeln. Die EU hat bald mehr Präsidenten als Einwohner.
    Ich persönlich hätte in den nächsten Tagen gern ein paar mehr Rücktritte. Und wenn der eine oder andere nicht nur aus dem Amt scheidet sondern gleich noch eine gute japanische Tradition pflegt, hätte ich auch nichts dagegen.

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