Globalisierung
Herbert Giersch: Weltoffenheit ist ein Gut von hohem Wert

"Kostensenkungswettläufe", "Steuerflucht" - das weltweite miteinander Wirtschaften ist in Verruf gekommen.Eine Rückkehr zum engstirnigen Interventionismus wäre für jedes Land verheerend. Das schrieb Herbert Giersch, der am 11. Mai seinen 85. Geburtstag feiert, am 31. August 1998 im Handelsblatt. Wir dokumentieren den Beitrag hier erneut.

1. Globalisierung ist ein neues Wort für einen schon lange währenden Vorgang: die räumliche Ausbreitung der kapitalistischen Wirtschaftsweise bis an den Rand der Welt. Ausgangspunkte waren und sind die Zentren, die für die dynamischen Kräfte der wirtschaftlichen Entwicklung günstige Standortbedingungen bieten konnten: für Wissenschaft und Forschung, Innovation und Investition, Produktion und Handel. Wir denken räumlich an Oberitalien, die Rheinschiene und Großbritannien und zeitlich an die Renaissance und die schottische Philosophie des 18. Jahrhunderts.

2. Das Vordringen der kapitalistischen Denk- und Produktionsweise vollzieht sich auf vielfältige Weise - durch den Austausch von Gütern und Leistungen (Handel), durch das Wandern von Arbeit und Kapital (Faktorbewegungen), durch das Aneignen von Wissen und Können (Humankapitaltransfer) und durch das Aufsuchen der günstigsten Produktionsstandorte (Direktinvestitionen).

3. Der Prozeß der Globalisierung wirkt schon seit Jahrhunderten. Zu den Meilensteinen gehören: das Entstehen der Hanse, die Entdeckung Amerikas, die Kolonialisierung der südlichen Erdhälfte durch den Norden, die Öffnung Japans, der Wiederaufbau einer liberalen Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg und der Übergang zur offenen Marktwirtschaft in den Ländern des ehemals realen Sozialismus.

4. Die Vertreter der deutschen historischen Schule im 19. Jahrhundert haben diesen Prozeß in Stufentheorien abgebildet. Eine der einschlägigen Varianten ist die Reihenfolge: Hauswirtschaft, Stadtwirtschaft, Volkswirtschaft, Weltwirtschaft. Die Nationalsozialisten, die als Sozialisten nicht liberal und als Nationalisten nicht kleinlich sein wollten, fügten mit Blick auf Europa noch die "Großraumwirtschaft" ein. Marx und Engels, die das Gesetz der Geschichte zu kennen glaubten, schrieben vor 150 Jahren in das "Kommunistische Manifest" die prophetische These: "Die Bourgeoisie reißt alle Nationen in die Zivilisation". Mit höchstem imperialen Segen entstand noch vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland ein Institut, dem als wirtschaftswissenschaftliches Forschungsziel nichts anderes vorgegeben wurde als das, was wir heute "Globalisierung" nennen. Gemeint ist das Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

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