Abrechnung
Der Schüler und sein „Maestro“

„The age of Turbulence“: In Zeiten der aktuellen Finanzkrise trifft das Buch des ehemaligen US-Notenbankchefs Alan Greenspan den Nerv der Zeit. Am Dienstag soll sein Nachfolger Ben Bernanke den US-Leitzins senken – womöglich gar um einen halben Prozentpunkt. Doch beim Thema Zinssenkungen zeigte sich Bernanke in seiner bisherigen Amtszeit zögerlich.
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NEW YORK. Alan Greenspan ist seiner Zeit gerne etwas voraus. Die präventive Geldpolitik war sein Markenzeichen während jener 18 Jahre, die er an der Spitze der US Notenbank stand. Bei seinem vorerst letzten Streich kommt ihm diese Woche der Zufall zur Hilfe. Sein geldpolitisches Vermächtnis in Form des Buches „The Age of Turbulence“ erscheint heute ausgerechnet einen Tag, bevor sein Nachfolger Ben Bernanke inmitten der aktuellen Finanzkrise eine historische Weichenstellung in der Zinspolitik vornehmen muss. „Das ist vielleicht der ultimative Test für Bernanke“, sagt der frühere Fed-Ökonom David Jones.

Weltweit werden die Finanzprofis das legendäre Krisenmanagement des „Maestros“ mit den noch ungeübten Künsten seines Zauberlehrlings vergleichen. Greenspan hat versucht, den Erfolgsdruck für seinen Nachfolger etwas zu mildern. „Er macht einen exzellenten Job. Ich bin nicht sicher, ob ich etwas anders gemacht hätte“, sagte der 81-Jährige in einem einstündigen Interview mit dem US-Fernsehsender CBS. Dabei sind die Unterschiede zwischen den beiden unverkennbar.

Während Greenspan in den großen Finanzkrisen der 80er und 90er Jahre den Märkten instinktiv mit schnellen Zinssenkungen zur Hilfe geeilt ist, zögert Bernanke noch. Die frühere Fed-Gouverneurin Martha Seger wirft dem amtierenden Notenbank-Chef deshalb vor, zu langsam zu agieren und den Bezug zur Realität verloren zu haben. Seit mehr als einem Jahr hält Bernanke das Leitzinsniveau in Amerika nun bei 5,25 Prozent. Zwar hat er mit einer Liquiditätsspritze im August die Panik an den Märkten etwas gemildert, zu einer Leitzinssenkung konnte sich der Akademiker während seiner 19-monatigen Amtszeit aber noch nicht durchringen.

Genau das ist es jedoch, was alle Welt morgen von dem ehemaligen Star-Professor an der Eliteuniversität Princeton erwartet. Die Wetten an den Terminmärkten stehen 60 zu 40, dass Bernanke den Leitzins nicht nur um 25 Basispunkte, sondern gleich um einen halben Prozentpunkt senkt. Martin Feldstein, Harvard-Professor und so etwas wie die graue Eminenz unter den US-Ökonomen, fordert in einem Zeitungsbeitrag „Liquidität jetzt!“ und plädiert für eine Lockerung um einen vollen Prozentpunkt, um eine Rezession abzuwenden. An der Wall Street schätzen die Ökonomen das Risiko einer wirtschaftlichen Bruchlandung inzwischen auf knapp 40 Prozent ein.

Bernanke und seine Fed-Kollegen haben in den vergangenen Tagen nichts unternommen, um die Hoffnungen der Märkte zu dämpfen. Dennoch dürfte es zu einer kontroversen Diskussion kommen, wenn die zwölf stimmberechtigten Mitglieder des Offenmarktausschusses morgen pünktlich um neun Uhr an dem mehr als acht Meter langen, ovalen Konferenztisch in der Federal Reserve in Washington Platz nehmen. Während einige Notenbanker zuletzt vor einem Übergreifen der Krise auf die Konjunktur warnten, sehen andere weiter „ermutigende“ Zeichen. Greenspan kennt diese Situationen sehr gut. Bereits vor den Sitzungen hatte er während seiner Amtszeit in Zwiegesprächen die Stimmung ausgelotet und Allianzen geschmiedet. Bernanke liebt als Wissenschaftler die offene, kontroverse Diskussion. Dort der große Taktiker, der im Hintergrund die Fäden in seine Richtung gezogen hat, hier der Teamplayer, der Konsens nicht erzwingt, sondern ihn durch Überzeugungsarbeit erreichen will.

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