Adam Smith
Im Zweifel für den Kapitalismus

Politiker und Ökonomen wollen in Zeiten der Krise den Markt zügeln. Liberale Wissenschaftler blasen zur Verteidigung des Kapitalismus – ihr Kronzeuge: Adam Smith. Warum man Adam Smith im Lichte seiner Moralphilosophie betrachten sollte.
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BERLIN. Auf die Frage, ob sie Adam Smith kennen, antworten Ökonomen blitzschnell und immer dasselbe. „Natürlich.“ Mit seinem Werk „Wohlstand der Nationen“ habe er die moderne Ökonomie begründet. Seine berühmte These von der „unsichtbaren Hand“, die den Markt koordiniere, steht in jedem Lehrbuch.

Fast ebenso viele Kapitalismuskritiker sehen in diesem 1776 erschienenen Werk des schottischen Moralphilosophen den Ausgangspunkt der Ökonomisierung der Gesellschaft. Zitiert wird dann der berühmte Satz: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers, Bäckers erwarten wir, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“ Der Vorwurf an Smith: Er habe verwerfliches Verhalten moralisch reingewaschen, weil er die Entstehung von öffentlichem Wohl auf Eigennutz zurückführt.

Im Angesicht der Wirtschafts- und Finanzkrise aber – in einer Zeit also, in der der Kapitalismus mit seinem Eigennutz in der Kritik steht – suchen liberale Gesellschaften und Denkfabriken den Markt zu verteidigen. Er sei an sich moralisch. Ihr Kronzeuge heißt wieder Adam Smith. Ein Widerspruch?

Nicht auf sein berühmtestes Werk stützt sich diese Argumentation, sondern auf ein früheres, das vor genau 250 Jahren erstmals erschien: „Die Theorie der ethischen Gefühle“. Der Council on Public Policy hatte zu diesem Anlass vor wenigen Tagen Adam-Smith-Experten und liberale Denker zu einer Konferenz geladen, vom Liberty Fund, vom Cato Institute und der Earhart Foundation, Professoren vom King’s College, den Universitäten von Chicago und Brisbane. Ihre gemeinsame These bringt Gastgeber Michael Zöller, Soziologieprofessor von der Universität Bayreuth und Vorstandsvorsitzender des Councils, so auf den Punkt: „Dem Markt muss keine Moral von außen übergestülpt werden.“ Sie sei Teil des Systems. Und genau das habe Adam Smith schon 1759 geschrieben.

Zurzeit vergehe aber kaum ein Tag, an dem nicht Politiker, aber auch manche Ökonomen forderten, die Gier müsse durch die Politik gezähmt werden, erklärt er. Liberale Wissenschaftler wie Zöller verwahren sich dagegen. Sie argumentieren, dass vor allem die Politik und nicht der Markt die aktuelle Krise verursacht habe. Erst der politische Druck, auch nicht kreditwürdigen US-Bürgern Immobilienkredite zu verkaufen, habe die Krise ins Rollen gebracht. Und selbst die Verbriefungen, die schließlich zu der Bündelung und dem Verkauf der unsichere Kreditpapiere führten, seien von staatlicher Hand angeregt worden. „Erst diese Entkoppelung des Verhaltens von der Verantwortung“ habe die Krise befördert, urteilt Zöller.

Bei Adam Smith aber gebe es diese Entkoppelung nicht. In seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ erklärt er, dass der Mensch in erster Linie ein soziales Wesen sei. Durch das Zusammenleben mit anderen und die wechselseitige Abhängigkeit voneinander lerne der Mensch durch Rückkopplungsprozesse, was gut und richtig ist.

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