Amartya Sen
„Viele Ökonomen nehmen ihre simplen Modelle zu ernst“

Vor dem Ökonomengipfel in Berlin geht Nobelpreisträger Amartya Sen mit der Wirtschaftspolitik hart ins Gericht. Im Interview mit dem Handelsblatt fordert er, mehr auf die Schwachen zu blicken.
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Handelsblatt: Professor Sen, ziehen Ökonomen und Politiker die richtigen Lehren aus der schlimmsten Krise seit der Großen Depression?

Amartya Sen: Leider überhaupt nicht. Ich bin ziemlich enttäuscht - sowohl über das ökonomische Denken als auch über die Verbindung von Ökonomie und Politik.

Was läuft denn schief?

Mir machen mehrere Punkte Sorgen, vor allem in Europa. Zum Ersten erleben wir ein Versagen der Demokratie. Wirtschaftspolitik muss letztlich für die Menschen nachvollziehbar und verständlich sowie von ihnen akzeptiert werden. Das ist es doch, was Demokratie ausmacht. Das alte Prinzip „Keine Besteuerung ohne parlamentarische Repräsentation“ gilt momentan in Europa nicht.

Wie meinen Sie das?

In Ländern wie Griechenland, Portugal und Spanien zählen die Ansichten der Wähler wesentlich weniger als die der Banker, der Ratingagenturen und anderer Finanzinstitutionen. Die Bevölkerung hat in vielen dieser Länder keine Stimme mehr - das ist eine Konsequenz der Währungsunion ohne politische Integration. Die Wirtschaftspolitik ist abgekoppelt von der politischen Basis. Das ist aus meiner Sicht ein Fehler und widerspricht komplett den Idealen der großen europäischen Bewegung, die sich für ein demokratisches, vereintes Europas starkgemacht hat.

Der Abbau der Staatsschulden ist zur ersten Priorität der Politiker in Europa geworden. Viele Ökonomen begrüßen das.

Die Staatsschulden in Europa müssen sinken, das ist keine Frage. Aber ich halte das Timing für falsch. Momentan scheinen die Politiker zuerst die Schulden senken zu wollen und sich dann erst später Gedanken über Wirtschaftswachstum zu machen. Das halte ich für einen großen Fehler.

Wieso?

Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass Staatsschulden in Zeiten mit hohem Wachstum deutlich leichter abgebaut werden können. Das war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg so, in den USA unter der Clinton-Regierung und in Schweden in den 90er-Jahren.

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Der Staat muss die Schwachen schützen

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Wir brauchen einen ganzheitlicheren Blick

Kommentare zu " Amartya Sen: „Viele Ökonomen nehmen ihre simplen Modelle zu ernst“"

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  • VWLer Bernd Senf

    http://www.berndsenf.de

    die wahren Zahlen

    http://www.volksprotest.de

    Lösungen siehe Forum...

    Manfred Julius Müller

    http://www.neo-liberalismus.de

    http://www.anti-globalisierung.de

  • Wie wäre es denn mal bei den nicht perfekten Märkten anzufangen? Forderung nach vollständiger Transparenz. Den Anfang macht die Politik. Alle Daten ins Internet für jedermann.

  • Sen vertritt eine ganz andere Meinung als der Chefökonom der FTD Thomas Fricke. Und Sen hat Recht. Die mainstream-Ökonomie hat nicht versagt, sondern einige wenige, die sich mit enigen wenigen Plattheiten, wonach nur der Markt am Besten funktioniere, immer in den Vordergrund gedrängt haben. Es gibt und gab immer ein breites Spektrum von Wissenschaftlern, wobei in dieser Gruppe unglaubliche Qualitätsunterschiede zu finden sind. Auch zum Demokratieversagen und der Bevormundung der Bürger ist ein hervorragenbdes statement abgegeben worden, weil das nämlich ein wichtiger Aspekt der Wohlfahrt ist. Fricke meint allerdings immer, dass die Politik es eh`am Besten richtet, wenn sie eine gnadenlose Eurorettung gegen die Bürger inszeniert. Sicher hätte Sen auch die Regulierungen dort vorgenommen, wo Marktversagen zu konststieren war, insb. an den Kapitalmärkten. In der Gesamtschau der Stringenz der Argumentation wird jeder Leser eigentlich auf die intellektuelle Lücke hingewiesen, die zwischen dem homo erektus politikus stupidus und einem Spitzenökonomen besteht. Sen argumentiert so fundiert, dass ich am Liebsten einen ganzen Aufsatz dazu schreiben würde.

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