Anbieterwechsel
Die teure Trägheit der Verbraucher

Strom-, Gas- oder Telefonkunden wechseln zu selten ihre Anbieter, kritisieren Wettbewerbshüter. Ökonomen rätseln, warum viele Verbraucher freiwillig zu viel zahlen. Sind die Verbraucher überfordert, ängstlich oder einfach nur faul?
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DÜSSELDORF. Es kommt selten vor, dass Politiker ihren Bürgern unverblümt Handlungsempfehlungen geben. Doch bei einem Thema reden sie schon beinahe flehentlich auf ihr Volk ein: "Wechseln Sie doch endlich einmal Ihren Stromanbieter!"

Zuletzt stimmten sogar Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle und seine Kollegen aus den Bundesländern in diese Aufforderung der zuständigen Regulierungsbehörden - Bundeskartellamt und Bundesnetzagentur - ein.

Immerhin zwölf Jahre nach der Liberalisierung hat nur jeder fünfte deutsche Privathaushalt seinen Stromanbieter gewechselt, zeigen die Zahlen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft. Beim Gas ist die Quote noch geringer.

Wirtschaftswissenschaftler versuchen nun, die Trägheit der Kunden mit neuesten Forschungserkenntnissen zu erklären. Denn nach der ökonomischen Standardtheorie müsste der günstigste Anbieter langfristig die meisten Kunden bekommen. Überhöhte Gewinne und Abzock-Tricks wären dann nicht möglich, der Preiskampf würde die Firmen disziplinieren.

Doch die Liberalisierung auf den Strom-, Gas- und Telekommunikationsmärkten bringt nicht immer den erhofften Wettbewerb. Der Grund: Die Haushalte spielen nicht mit.

"Bei vielen Konsumenten gibt es eine dunkle Angst, mit etwas Lebenswichtigem zu experimentieren", erklärt Daniel Zimmer, Wettbewerbsrechtler von der Universität Bonn und Mitglied der Monopolkommission. Dabei ist es zum Beispiel rechtlich und technisch überhaupt nicht möglich, dass dem Kunden wegen seines Wechsels oder bei einer Insolvenz seines Anbieters der Strom abgestellt wird. Einzig Anbieter, die Vorkasse verlangen, gelte es zu meiden, empfehlen Verbraucherschützer.

Beim Wechsel des Telefonanbieters dagegen ist es durchaus vorgekommen, dass Kunden in der Übergangszeit auch längere Zeit ohne Telefon- oder Internetanschluss dastanden. Solche Nachrichten fördern die allgemeine Wechselfreude nicht gerade.

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Kommentare zu " Anbieterwechsel: Die teure Trägheit der Verbraucher"

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  • Mein neuer Gasanbieter SAUbERGAS.DE hat direkt nach Vertragsschluss - noch vor Lieferbeginn - eine Preiserhöhung geschickt, die den ganzen Wechsel "unnötig" macht.

    Soviel zum Trommel der kleinen Klitschen die an unser Geld wollen...


  • Der Artikel wurde schon x-fach in ähnlicher Form geschrieben und die Forschung dreht sich auch immer wieder im Kreis: Weil Forscher zu wenig lesen! Deswegen denkt jeder er hätte das Rad neu erfunden.

    Nur als Hinweis: Planning Fallacy, Status-Quo bias, Endowment effects und ANomalien anderer Art sind spätestens seit den 70ern bekannt und seit den 90ern auch sehr gut erforscht, psychologisch wie ökonomisch. (Thaler, Rabin, Sunstein, Kahneman, Tversky, Camerer, Sugden, Starmer, Loewenstein, Slovic, und und und...)

    Wer noch nicht mal die jahrzehnte lange Arbeit eines Nobelpreisträgers zur Kenntnis nimmt (Kahneman) muss sich ein Versäumnis vorwerfen lassen.

  • caesar4441 hat recht, ich habe vor kurzem noch die Preise verglichen. Klar ergeben sich kleine Unterschiede durch einmalige Wechselprämien, Vorkassezahlung fürs ganze Jahr, etc. Aber aufpassen, für viele Prämien muss ein zweites Jahr angehängt werden, sodass erst nach zwei Jahren wieder gewechselt werden kann. Sonst entfällt die Prämie. Letztlich gibts doch wieder die gleiche Leistung zu gleichen Preisen.

    Wer glaubt hier gäbe es ernsthaften Wettbewerb, der glaubt auch dass die Tankstellen zufällig gleiche Preise für den Liter benzin haben. Denken Sie mal nach, sind Sie z.b. ganz sicher, dass Sie den günstigsten Tarif für ihren Telefonanschluss, Handyvertrag oder ihre Autoversicherung haben?

    Private Haushalte sind nunmal keine Unternehmen, die massig Zeit auf die Suche nach dem günstigsten Tarif verbringen wollen. Das machen wir nämlich in unserer "Freizeit". Und statt das die Unternehmen uns das Leben leichter machen indem Sie sagen "die kw/h kostet 0,50€ inkl. aller Gebühren. Fertig." nerven Sie mit einem Tarifdschungel aus Grundgebühren, Auf- und Abschlägen, Gutschriften am Auftragsanfang und/oder Auftragsende, usw.

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