Arbeitsmarkt-Ökonomie

Gefangen in der Niedriglohn-Spirale

Wie sinnvoll ist es, Arbeitslosen die Unterstützung zu streichen, wenn diese sich nicht sofort einen neuen Job suchen? Forscher geben nun eine verblüffende Antwort - und warnen vor einem Niedriglohn-Teufelskreis.
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Mitarbeiterin eines Callcenters in Frankfurt an der Oder. Quelle: dpa

Mitarbeiterin eines Callcenters in Frankfurt an der Oder.

(Foto: dpa)

KölnEs ist eine späte Genugtuung und er genießt sie sichtlich: Zehn Jahre nach dem Beginn der Agenda 2010 lässt sich Gerhard Schröder als Vater des deutschen Arbeitsmarktwunders feiern. Und Lob gibt es reichlich - zuletzt etwa bei der Göttinger Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik, der Vereinigung der deutschsprachigen Ökonomen.

Mit der Einführung von Hartz IV hatte die rot-grüne Koalition den Druck auf Arbeitslose erhöht, sich schnell eine neue Stelle zu suchen. Und tatsächlich: Die deutsche Arbeitslosenquote sinkt seitdem kontinuierlich.

Doch der vordergründige Erfolg des "Förderns und Forderns" könnte fatale Nebenwirkungen haben, wie eine neue Studie mit Schweizer Daten nahelegt.

Ein Forscherteam um Rafael Lalive von der Universität Lausanne hat sich die Karrierewege von mehr als 20.000 Schweizern angesehen, die im Laufe ihres Berufslebens mindestens einmal ihren Job verloren und Arbeitslosengeld bekamen.

Die Politik der Eidgenossen ähnelt dabei dem deutschen Hartz-IV-System: Wer seinen Job verliert, wird dazu gedrängt, sich schnell eine neue Stelle zu suchen. Betroffene müssen jeden Monat rund zehn Bewerbungen abschicken und Weiterbildungsseminare besuchen. Wer das nicht tut oder zumutbare Jobangebote ablehnt, dem wird die Stütze gekürzt.

Die Sanktionen drohen dabei gleich von Beginn der Arbeitslosigkeit an und können drastisch ausfallen: Teilweise gibt es über zwei Monate lang überhaupt kein Arbeitslosengeld mehr. Der Druck, möglichst schnell wieder einen Job anzunehmen, ist dementsprechend groß.

Auf den ersten Blick klappt das System gut: Schon die Androhung einer Kürzung bewirkt, dass Arbeitslose zügig einen neuen Anstellungsvertrag unterschreiben, zeigen Lalive und seine Co-Autoren. Der zusätzliche Druck erhöht also die Geschwindigkeit der Jobsuche.

Allerdings: Wem das Arbeitslosengeld gekürzt worden war, machte beim Wiedereinstieg in die Berufswelt schmerzhafte Abstriche. Nicht nur, dass er weniger verdiente als in der Zeit vor der Arbeitslosigkeit - sein Lohn war auch geringer als der von gleich gut qualifizierten Ex-Arbeitslosen, die die Behörden in Ruhe gelassen hatten.

Geringerer Lohn als vor der Arbeitslosigkeit
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31 Kommentare zu "Arbeitsmarkt-Ökonomie: Gefangen in der Niedriglohn-Spirale"

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  • Leider wird wie so oft übersehen, dass in der Zeit seit Einführung der Agenda 2010 die Erfassungsmethode zur Höhe der Arbeitslosenzahlen mehrfach geändert wurde (zugunsten niedriger Zahlen). Ebenso auch dass die Zahl der Leiharbeiter und derer in Niedriglohnjobs deutlich zugenommen hat. Schade und bedenklich, dass man oft nur so oberflächlich beurteilt. Aber das ist ja schon zur Kultur geworden...

  • @anonym

    das Problem ist auch: wenn jemand mit Schwarzarbeitnebenjobs wie Putzen, Nachhilfe etc... mehr verdient als mit einem Ausbildungsberuf, dann ist es lukrativer, nur noch Teilzeit sv-pflichtig zu arbeiten und den Rest schwarz hinzu.

    man muss generell Sozialausgaben stärker über allg. Steuern finanzieren, wo man bestimmte Einkommensarten die vermögensbasierend sind dann stärker besteuert, Einkommen hingegen insbesondere am unteren Rand weniger durch Abgaben belasten.

    hier im Haus putzt einer schwarz, der verdient in einer halben Std. mehr als jmd. der regulär mit Ausbildung 3 Jahre und jahrelanger Berufserfahrung irgendwo arbeitet --- da gibt es mittlerweile durch Lohnstagnation bzw. Reallohnsenkungen in DE ein gravierendes Missverhältnis.

    das ist aber nicht schuld der Hartzer (Lohnabstandsgebot), sondern generell ein Problem der Volkseinkommensverteilung mittlerweile.

    ehrliche Arbeit lohnt sich in DE immer weniger und das ist auch demotivierend für all jene "Idioten" die hier noch arbeiten gehen sv-pflichtig.

    Arbeiten lohnt sich in DE für viele wirklich nicht mehr, dass muss man eindeutig so feststellen.

  • Volksprotest - die wahre Zahlen, Lösungen siehe Forum

    http://www.volksprotest.de

  • Guten Tag. Die in diesem Artikel aufgelisteten Folgen sollten allen Verantwortlichen bekannt sein! Aber was noch viel gravierender ist, ist die Tatsache das die Betroffenen innerlich kündigen!!
    Sie werden dem neuen Arbeitgeber und den neuen Vorgesetzten misstrauen und „Dienst nach Vorschrift“ machen. Neue Impulse für das Unternehmen gibt es nicht mehr. Das Unternehmen trocknet aus!! Es werden nur noch Mitläufer nach oben kommen!!
    Und volkswirtschaftlich? Immer weniger können ausreichend für die Rente Vorsorgen und die Kaufkraft aller singt! Der allgemeine Frust steigt. Folgen nun griechische Verhältnisse?
    Wenn die Politiker nur in Wahlperioden denken, dann sollten doch wenigstes die Ökonomen weiter denken!!

  • Wirklich interessant ist doch die Frage, ob Arbeitslose, die in den Job gedrängt werden langfristig schlechter abschneiden als Arbeitslose, deren Case Manager geduldiger ist und sie damit länger in Arbeitslosigkeit bleiben. Dazu steht leider nichts in dem Artikel. Dass Arbeitslose langfristige Lohneinbußen hinnehmen ist ja nichts neues (und ökonomisch nachvollzeihbar)!

  • Glückwunsch lieber Autor, für die messerscharfen Schlussfolgerungen. Bin mal gespannt, was man 2020 an dieser Stelle lesen kann. Dass die Erde rund ist....? Oder vielleicht dass auch Lohnerhöhungen einen überzeugenden Anreiz darstellen können? Das wäre mal ein Fortschritt.

  • Ist der Niedriglohn-Teufelskreis nicht gerade der Zweck der Sanktionen?

  • Ich finde es von einigen Kommentaren schon zynisch auf die dritte Welt zu zeigen. Als wenn man In Deutschland mit Almosen die Kosten für Unterkunft, Verpflegung, Energie bezahlen könnte. Alleine die Energiekosten im Monat sind höher, als was die Sklaven in der sog. dritten Welt pro Monat bekommen.
    Ein besserer Vergleich wäre da schon Skandinavien, Mindestlöhne, höhere Sozialleistungen. Zum Beispiel Dänemark 90 Prozent des letzten Nettolohns wird drei Jahre als Arbeitslosengeld gezahlt. Für die Almosen in Deutschland muss man sich noch beschimpfen lassen, und eine Mehrheit (solange nicht selber betroffen) finden das auch noch in Ordnung. Das kommt davon, wenn man den „oberen zehn Prozent“ immer weiter die Steuern senkt, dass Geld muss ja irgendwo her kommen.
    Niedriglohn ist ein besseres Wort für Ausbeutung. Obwohl laut GG Zwangsarbeit verboten ist, haben wir mittlerweile wieder Dezentrale Arbeitslager. Billiger wäre es, wenn man wieder zentrale Arbeitslager in Deutschland einführen würde? Was offensichtlich, dank der Propaganda in Deutschland, eine Mehrheit befürworten würde.

  • Liebes Handelsblatt.

    Was genau ist an dieser banalen Feststellung, die einfach vorherzusehen und derzeit am realen Beispiel offensichtlich nachzuvollziehen ist, denn bitte verblüffend? Dieser Niedriglohnteufelskreis ist nicht total überraschend und unvorhersehbar, sondern war und ist erklärtes Ziel der Agenda 2010 und aller ihrer geistigen Ziehkinder.

  • svro86, schade, dass Sie so gar nicht verstehen, um was es hier geht!

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