Arbeitsmarkt-Ökonomie
Gefangen in der Niedriglohn-Spirale

Wie sinnvoll ist es, Arbeitslosen die Unterstützung zu streichen, wenn diese sich nicht sofort einen neuen Job suchen? Forscher geben nun eine verblüffende Antwort - und warnen vor einem Niedriglohn-Teufelskreis.
  • 31

KölnEs ist eine späte Genugtuung und er genießt sie sichtlich: Zehn Jahre nach dem Beginn der Agenda 2010 lässt sich Gerhard Schröder als Vater des deutschen Arbeitsmarktwunders feiern. Und Lob gibt es reichlich - zuletzt etwa bei der Göttinger Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik, der Vereinigung der deutschsprachigen Ökonomen.

Mit der Einführung von Hartz IV hatte die rot-grüne Koalition den Druck auf Arbeitslose erhöht, sich schnell eine neue Stelle zu suchen. Und tatsächlich: Die deutsche Arbeitslosenquote sinkt seitdem kontinuierlich.

Doch der vordergründige Erfolg des "Förderns und Forderns" könnte fatale Nebenwirkungen haben, wie eine neue Studie mit Schweizer Daten nahelegt.

Ein Forscherteam um Rafael Lalive von der Universität Lausanne hat sich die Karrierewege von mehr als 20.000 Schweizern angesehen, die im Laufe ihres Berufslebens mindestens einmal ihren Job verloren und Arbeitslosengeld bekamen.

Die Politik der Eidgenossen ähnelt dabei dem deutschen Hartz-IV-System: Wer seinen Job verliert, wird dazu gedrängt, sich schnell eine neue Stelle zu suchen. Betroffene müssen jeden Monat rund zehn Bewerbungen abschicken und Weiterbildungsseminare besuchen. Wer das nicht tut oder zumutbare Jobangebote ablehnt, dem wird die Stütze gekürzt.

Die Sanktionen drohen dabei gleich von Beginn der Arbeitslosigkeit an und können drastisch ausfallen: Teilweise gibt es über zwei Monate lang überhaupt kein Arbeitslosengeld mehr. Der Druck, möglichst schnell wieder einen Job anzunehmen, ist dementsprechend groß.

Auf den ersten Blick klappt das System gut: Schon die Androhung einer Kürzung bewirkt, dass Arbeitslose zügig einen neuen Anstellungsvertrag unterschreiben, zeigen Lalive und seine Co-Autoren. Der zusätzliche Druck erhöht also die Geschwindigkeit der Jobsuche.

Allerdings: Wem das Arbeitslosengeld gekürzt worden war, machte beim Wiedereinstieg in die Berufswelt schmerzhafte Abstriche. Nicht nur, dass er weniger verdiente als in der Zeit vor der Arbeitslosigkeit - sein Lohn war auch geringer als der von gleich gut qualifizierten Ex-Arbeitslosen, die die Behörden in Ruhe gelassen hatten.

Seite 1:

Gefangen in der Niedriglohn-Spirale

Seite 2:

Geringerer Lohn als vor der Arbeitslosigkeit

Kommentare zu " Arbeitsmarkt-Ökonomie: Gefangen in der Niedriglohn-Spirale"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Leider wird wie so oft übersehen, dass in der Zeit seit Einführung der Agenda 2010 die Erfassungsmethode zur Höhe der Arbeitslosenzahlen mehrfach geändert wurde (zugunsten niedriger Zahlen). Ebenso auch dass die Zahl der Leiharbeiter und derer in Niedriglohnjobs deutlich zugenommen hat. Schade und bedenklich, dass man oft nur so oberflächlich beurteilt. Aber das ist ja schon zur Kultur geworden...

  • @anonym

    das Problem ist auch: wenn jemand mit Schwarzarbeitnebenjobs wie Putzen, Nachhilfe etc... mehr verdient als mit einem Ausbildungsberuf, dann ist es lukrativer, nur noch Teilzeit sv-pflichtig zu arbeiten und den Rest schwarz hinzu.

    man muss generell Sozialausgaben stärker über allg. Steuern finanzieren, wo man bestimmte Einkommensarten die vermögensbasierend sind dann stärker besteuert, Einkommen hingegen insbesondere am unteren Rand weniger durch Abgaben belasten.

    hier im Haus putzt einer schwarz, der verdient in einer halben Std. mehr als jmd. der regulär mit Ausbildung 3 Jahre und jahrelanger Berufserfahrung irgendwo arbeitet --- da gibt es mittlerweile durch Lohnstagnation bzw. Reallohnsenkungen in DE ein gravierendes Missverhältnis.

    das ist aber nicht schuld der Hartzer (Lohnabstandsgebot), sondern generell ein Problem der Volkseinkommensverteilung mittlerweile.

    ehrliche Arbeit lohnt sich in DE immer weniger und das ist auch demotivierend für all jene "Idioten" die hier noch arbeiten gehen sv-pflichtig.

    Arbeiten lohnt sich in DE für viele wirklich nicht mehr, dass muss man eindeutig so feststellen.

  • Volksprotest - die wahre Zahlen, Lösungen siehe Forum

    http://www.volksprotest.de

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%