Arbeitsmarktforschung
Warum Ökonomen Taxifahrer lieben

Arbeitsmarktforscher entdecken einen neuen Untersuchungsgegenstand: die „cab driver“ von New York City. Mit ihrem Arbeitsangebotsverhalten geben sie den Forschern Rätsel auf und stellen die neoklassische Theorie in Frage.
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Tom hat einen Traumjob, findet er. „Du gleitest um 3.30 Uhr morgens über den Times Square, all der Verkehr ist weg, und plötzlich bist du allein im Zentrum der Welt, und aus jeder Himmelsecke regnet das Neon auf dich herab.“ Tom ist Taxifahrer in New York City. Und schwärmt: „Du fährst über die Brooklyn Bridge, genau in dem Moment, in dem der Mond über den Brückenbogen steigt, und du vergisst, dass du unten auf der Erde bist, und denkst, dass du fliegst, dass das Taxi Flügel hat und du durch das Weltall schwebst.“

Zwar ist Tom eine Erfindung des Schriftstellers Paul Auster. Aber wer mit dem Taxi in New York unterwegs ist, findet viele Toms – Philosophen, Psychologen, politische Kommentatoren. Taxifahrer, das sind die Cowboys der Großstadt, trickreiche Überlebende im Asphaltdschungel. Schriftsteller haben Romane über sie geschrieben, Sänger haben sie besungen, Regisseure haben Filme über sie gedreht, zum Beispiel Martin Scorsese und Jim Jarmusch.

Jetzt sind die „cab driver“ auch ins Blickfeld der Ökonomen geraten. Nicht der Mythos des Berufs interessiert die Wirtschaftsforscher, sondern die harte Wirklichkeit des Arbeitslebens. Genauer: Wie entscheiden die Chauffeure, wann und wie lange sie arbeiten? Verhalten sie sich rational, wenn es um ihren Entschluss geht, ob und wie lange sie mit dem Wagen unterwegs sind? Ist der Taxifahrer ein Homo oeconomicus, oder hat der Berufsstand eine eigene Logik?

Die Forschungen haben Bedeutung über die Taxibranche hinaus. Denn die Frage nach dem Verhalten der Fahrer stellt die neoklassische Theorie des Arbeitsmarkts auf den Prüfstand. Diese postuliert, dass die Menschen mehr arbeiten, je höher der Lohn ist. Das wäre eine rationale Entscheidung, denn mit höherem Lohn steigen in der Logik der Ökonomen die Arbeitsanreize.

Taxifahrer eignen sich sehr gut als Testpersonen für diese These. Viele von ihnen sind Einzelunternehmer und können ihre Arbeitszeiten frei wählen. Außerdem ist bei ihnen, anders als bei vielen Freiberuflern der Kreativbranche, der finanzielle Erfolg oder Misserfolg ihres Arbeitseinsatzes nahezu sofort feststellbar. Die Fahrer können auf unterschiedliche Ertragssituationen – etwa Stoßzeiten während einer Messe oder Flauten an einem Feiertag – unmittelbar reagieren. Bisher scheint es allerdings, als sei der Taxifahrer ein schwieriges Forschungsobjekt: Zwei ökonomische Studien unter New Yorker Fahrern kamen zu gegenteiligen Ergebnissen. Für Klärung soll nun eine Untersuchung im schottischen Aberdeen sorgen.

Der Erste, der das Arbeitsmuster der Fahrer untersuchte, war Ende der neunziger Jahre Colin Camerer vom California Institute of Technology (Caltech) in Pasadena. Der verhaltensorientierte Wirtschaftswissenschaftler hatte sich bei diversen New-York-Besuchen mit den „cab drivern“ unterhalten.

In Manhattan und Umgebung ist die Taxibranche so strukturiert, dass die meisten Fahrer einen Wagen auf Tages- oder Wochenbasis zu einem festen Preis von einer Taxigesellschaft mieten. Sobald sie diesen Mietpreis eingefahren haben, arbeiten sie also vollständig in die eigene Tasche. „Viele von ihnen sagten, sie hätten ein festes tägliches Einkommensziel, zum Beispiel 150 Dollar am Tag“, stellte Camerer fest.

Der Wissenschaftler war alarmiert. Eine feste Zielgröße würde bedeuten, dass die Fahrer an guten Tagen keineswegs länger arbeiten, um mehr Geld zu verdienen, sondern im Gegenteil kürzer, weil sie ihr Ziel schneller erreichen. Übersetzt in die ökonomische Theorie: Die Arbeitsangebotskurve eines Taxifahrers, die in der neoklassischen Theorie mit höheren Löhnen ansteigt, würde dann in Wirklichkeit sinken.

Gibt es neben dem Homo oeconomicus also den Homo navigatus?

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