Arbeitsmarktpolitik
Arbeitsmarktpolitik: Ende des Blindflugs

Mit den Hartz-Reformen wird Politik in Deutschland erstmals wissenschaftlich evaluiert – mit überraschenden Ergebnissen. Vieles wirkt in der Praxis ganz anders, als Ökonomen vorher gedacht hatten.
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BERLIN. Ein müdes Lächeln – das war alles, was das Forschungspersonal des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) für Bernd Fitzenbergers Vortrag übrig hatte. Irgendwann in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre hatte das Forschungsinstitut der Bundesanstalt für Arbeit (BA) den Ökonomen eingeladen, er sprach über die Evaluierung von Arbeitsmarktpolitik.

Fitzenberger, der in Stanford promoviert hatte und dort auch eine Weile forschte, versuchte zu erklären, warum einfache Vermittlungsquoten nicht viel aussagen. Er dozierte über Treatment- und Kontrollgruppen und über das „propensity score matching“. „Damals haben die mich alle belächelt“, erzählt Fitzenberger, „und gesagt: Da bringt einer aus den USA Ideen mit, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.“

Heute, gut ein Jahrzehnt später, sitzt Fitzenberger im wissenschaftlichen Beirat des IAB, und die damals skeptisch beäugten Methoden gehören zu den Standard-Instrumenten der Forscher. In der vergangenen Woche hat das IAB im Berliner Arbeitsministerium präsentiert, wie sich Hartz IV auswirkt. „Diese Forschung“, sagte Staatssekretär Detlef Scheele, „liefert für uns wichtige Entscheidungsgrundlagen.“

In den Hartz-Gesetzen war erstmals in der Geschichte der deutschen Arbeitsmarktpolitik eine wissenschaftliche Begleitforschung vorgesehen. Dies ist in den USA und Großbritannien schon lange üblich. Dort hat „evidence based policy“ – also eine vorurteilsfreie und auf Fakten basierende Wirtschaftspolitik – eine lange Tradition. Für Deutschland ist sie ein Novum.

Hierzulande gibt der Staat zwar seit Jahrzehnten Milliarden-Beträge für aktive Arbeitsmarktpolitik aus. Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse, ob und wie das Geld wirkt, existierten allerdings bis vor wenigen Jahren nicht.

Die Folge des Blindflugs: Viel Geld wurde verschwendet. Das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit schätzte 2006: Von den 13 Milliarden Euro, die Deutschland für aktive Arbeitsmarktpolitik ausgab, floss nur jeder vierte Euro in Programme, die sich nachweisbar positiv auswirkten.

Dabei hat die empirische Wirtschaftsforschung in den vergangenen zwei Jahrzehnten Methoden entwickelt, mit denen sich die Effekte aktiver Arbeitsmarktpolitik präzise messen lassen. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis: Einfache Auswertungen, wie viele Teilnehmer eines Förderprogramms danach einen Job finden, sagen nichts aus. Denn zumindest ein Teil der Geförderten hätte auch ohne die Weiterbildung früher oder später Arbeit bekommen.

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