Ausrichten der Disziplin
Versöhnen statt spalten

Seit mehr als einem halben Jahr tobt unter Deutschlands Ökonomen ein Streit über die richtige Ausrichtung der Volkswirtschaftslehre. Auf ihrer Jahrestagung schlugen die deutschen Volkswirte nun versöhnlichere Töne an. Warum der Streit die längst überfällige Debatte um das Selbstverständnis der Ökonomen ins Rollen gebracht hat.
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MAGDEBURG. Es war ein Drahtseilakt, auf den sich Lars Hendrik Röller da eingelassen hatte. Höchstpersönlich moderierte der Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik (VfS) auf der Jahrestagung der Ökonomenvereinigung eine Diskussionsrunde zu dem Streit, der seit mehr als einem halben Jahr unter deutschen Volkswirten tobt. Röllers erklärtes Ziel dabei war es, die Debatte zu versachlichen und ihr die Schärfe zu nehmen - wohlwissend, dass die Diskussion durchaus außer Kontrolle geraten könnte, falls sich der eine oder andere Kollege in Rage reden sollte.

Doch die Schlammschlacht, wie sie sich die Wissenschaftler vorher in den Medien geliefert hatten - in Magdeburg blieb sie aus. Zwar waren sich auch dort längst nicht alle Volkswirte über die richtige Ausrichtung ihres Fachs einig. Doch der Ton, in dem die Forscher miteinander diskutierten, war weit weniger konfrontativ als in den Monaten zuvor. In zwei öffentlichen Aufrufen, zahlreichen Interviews, Gastkommentaren und Blog-Beiträgen waren Volkswirte aufeinander losgegangen. Kern der Debatte war die Frage, ob die ökonomische Forschung zu theoretisch und weltfremd geworden ist und sich zu wenig mit relevanten Problemen der Wirtschaftspolitik beschäftigt.

In einem öffentlichen Manifest waren 83 Ökonomie-Professoren im Mai mit ihren Kollegen hart ins Gericht gegangen. Moderne Wirtschaftswissenschaftler beschäftigten sich zu viel mit Theorie und zu wenig mit der Realität. "Die Ökonomen ziehen sich aus der Wirklichkeit zurück", kritisierten die Unterzeichner. Die Volkswirtschaftslehre vernachlässige "zunehmend den Beitrag, den sie zur Lösung praktischer wirtschaftspolitischer Probleme leisten könnte und sollte".

Hintergrund des Aufrufs waren unter anderem Pläne der Kölner VWL-Fakultät, traditionsreiche Lehrstühle für Wirtschaftspolitik zu einem makroökonomischen Forschungsschwerpunkt umzuwidmen - ein Vorhaben, gegen das emeritierte Kölner VWL-Professoren Sturm liefen. "Professuren für Wirtschaftspolitik", heißt es auch im Aufruf der 83, "müssen unabdingbarer Bestandteil der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung und Lehre bleiben."

Einen Monat später wehrten sich 188 Fachkollegen mit einem Gegenaufruf: "Mit Sorge verfolgen wir die Bestrebungen einiger unserer Kollegen, für eine Zementierung international nicht wettbewerbsfähiger Strukturen an deutschen VWL-Fakultäten zu argumentieren", erklärten sie. "Dazu wird ein Zerrbild moderner ökonomischer Forschung gezeichnet."

In Magdeburg zeigte sich: Der Streit hat eine tiefgreifende Debatte über das Selbstverständnis und öffentliche Bild des Fachs ins Rollen gebracht. So berichtete Ronnie Schöb, Ökonomie-Professor an der Freien Universität Berlin: "Ich habe in den letzten Monaten mit vielen Kollegen viele fruchtbare Diskussionen dazu geführt", erzählte er.

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