Bildung
Bares Geld für bessere Schüler

Schulalltag: Gute Schüler heben den Schnitt, die schlechteren krabbeln untendurch. Dabei wäre es volkswirtschaftlich viel sinnvoller, schwache Schüler mehr zu unterstützen. Bildungsökonomen zeigen wie das geht, streiten aber noch über den richtigen Weg.
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KÖLN. Eigentlich macht Victor Lavy nichts anderes als eine nette Oma. Für ein gutes Zeugnis gibt der israelische Professor Taschengeld. Allerdings nicht für die Schüler, sondern für die Lehrer. Wer gute Schüler ausbildet, bekommt ein Extragehalt, lautete der Deal, den Lavy Lehrern an 48 Schulen anbot. Als am Ende des Experiments die Leistungen der Schüler getestet wurden, zeigte sich: Fast überall war das Niveau gestiegen.

Geld für gute Noten - mit diesem Prinzip wollen Bildungsökonomen derzeit in vielen Ländern die Leistungen von Schülern und Lehrern verbessern. Die einen fordern, Lehrer wie Investmentbanker und Manager mit Bonuszahlungen für gute Leistungen zu belohnen. Andere wollen den Schülern Geld zahlen, um sie zum Lernen zu motivieren. Dem zugrunde liegt die goldene ökonomische Regel "Der Mensch braucht Anreize".

297 Millionen Dollar pumpte jüngst das amerikanische Bildungsministerium in sein Teacher Incentive Program. Dahinter verbergen sich mehrere Projekte, bei denen Lehrer für den Erfolg ihrer Schüler finanziell belohnt werden. Ähnliche Programme gibt es bereits in Indien, Chile und Australien. Finnland, das bei der Pisa-Studie regelmäßig auf den vorderen Plätzen landet, bezahlt bereits seit längerem seine Lehrer nach Leistung.

Victor Lavy glaubt, dass sich dadurch vor allem die Leistungen schwacher Schüler verbessern lassen. In seinem Experiment wollte er den Lehrern Anreize geben, auch außerhalb der normalen Zeiten zu unterrichten, um schwachen Schülern, die langsamer lernen, zu helfen. Lavy suchte sich bewusst Schulen aus, die bei Abschlussklausuren bisher schlecht abgeschnitten hatten.

Für die Lehrer dort entwickelte er ein Turnier: Der Lehrer, dessen Schüler sich am meisten verbessert hatten, bekam 7 500 Dollar extra auf seinem Gehaltsscheck. Für leichte Verbesserungen gab es immerhin noch zwischen 5 750 und 1 750 Dollar. Der Fortschritt der Schüler wurde anhand ihrer Ergebnisse in der Bagrut-Prüfung gemessen, die vergleichbar ist mit dem deutschen Abitur. Lavy berechnete mit einer mathematischen Formel die zu erwartende Leistung jedes Schülers. Dabei bezog er soziale Faktoren wie die Herkunft des Schülers und Rahmenbedingungen wie die Klassengröße mit ein. Die Differenz zwischen der so errechneten und der tatsächlich erreichten Note interpretierte Lavy als die Leistung des Lehrers.

In seinem Experiment vergrößerte sich diese Differenz in der Tat, nachdem Lavy den Lehrern Bonuszahlungen in Aussicht gestellt hatte. Vor allem in Mathematik stiegen sowohl die Zahl der Schüler, die überhaupt an den Abschlussprüfungen teilnahmen, als auch deren Durchschnittsnote. In Englisch verbesserten sich die Schüler ebenfalls, aber weniger stark. Besonders auffällig aber war, dass in beiden Fächern vor allem die schwächeren Schüler deutlich bessere Leistungen als vorher zeigten.

Nach den Tests rief Lavy bei den Lehrern an und versuchte herauszufinden, was sie in ihrem Unterricht anders gemacht hatten. Die Lehrer berichteten, dass sie vor allem die Klassen verkleinert hatten, unter anderem, indem sie nach der Schule zusätzliche Unterrichtsstunden anboten. Viele Lehrer gaben außerdem an, sich stärker mit dem individuellen Lernprozess der einzelnen Schüler beschäftigt zu haben. "Anreizsysteme für Lehrer sind eine vielversprechende Methode, um die Qualität in der Schule zu verbessern", schlussfolgert Lavy daher in seiner Studie.

Ilse Schaad ist da anderer Meinung. "Bei solchen Experimenten ändert sich nur das Ergebnis der Tests und nicht die Leistung der Schüler", sagt die Leiterin des Vorstandsbereichs Angestellten- und Beamtenpolitik bei der Lehrergewerkschaft GEW. Sie vermutet, dass die Aussicht auf ein Extragehalt die Lehrer lediglich dazu motiviert, bei der Korrektur von Klausuren etwas gutmütiger zu sein. Um wirklich gründlicher mit den Schülern zu arbeiten, fehle den Lehrern Gestaltungsspielraum. "Damit so ein System funktioniert, müssen Lehrer die Bedingungen gestalten können", sagt die gelernte Englisch- und Deutschlehrerin. Doch dafür seien die Schulen hierzulande oft zu schlecht ausgestattet.

Das Problem mit der gutmütigen Klausurbewertung kennt auch Victor Lavy. Er hat versucht, das in seiner Studie auszuschließen, und verweist auf ein Sicherheitssystem, das das israelische Bildungsministerium eingerichtet hat, um Manipulationen von Lehrern aufzudecken. Da die Schüler einen Test schreiben, der von den Lehrern an ihrer Schule bewertet wird, und einen, der von externen Prüfern kontrolliert wird, berechnet das Ministerium die Abweichung der beiden Bewertungen. Bei zu großen Differenzen schlagen die Beamten Alarm.

Ökonom Lavy durfte diese Daten benutzen und drohte den Lehrern in seinem Experiment, sie vom Rennen um die Bonuszahlungen auszuschließen, sollten sie dem Ministerium ins Netz gehen. In seiner Studie konnte Lavy aber "keine systematischen Abweichungen feststellen". Er kommt daher zu dem Schluss, dass alle Lehrer ehrlich waren.

Auch wenn der Manipulationsvorwurf nicht vollständig entkräftet werden kann: Viele Bildungsökonomen unterstützen Lavys Forderung nach einer leistungsabhängigen Bezahlung von Lehrern. "Die Leistungen der Schüler steigen, wenn Lehrer Leistungsprämien erhalten", sagt Kerstin Schneider, Bildungsökonomin an der Universität Wuppertal mit Blick auf die Forschungsergebnisse in anderen Ländern. "Schon allein deshalb lohnt es sich, auch in Deutschland darüber nachzudenken." Und ihr Kollege Ludger Wößmann von der Ludwig-Maximilians-Universität München sagt: "Bessere Schulbildung bekommen wir dann, wenn sich der Einsatz für die Beteiligten lohnt."

Einer, der schon seit Jahren auf monetäre Belohnung setzt, ist der amerikanische Harvard-Professor Roland Fryer. Er leitet das Education Innovation Laboratory an der Harvard University und startete vor einigen Jahren mehrere Programme, bei denen nicht die Lehrer, sondern die Schüler für gute Noten bezahlt werden. Fryer hat wie sein Kollege Lavy ebenfalls die schwachen Schüler im Blick.

Vor allem die, bei denen die Eltern zu arm sind, um eine Eins in Mathe mit einem Scheinchen zu belohnen. Während in bürgerlichen Familien seit jeher gute Leistungen in der Schule finanziell belohnt würden, fehle dafür in vielen armen Familien das Geld, sagt Fryer. Und er weiß, wovon er spricht. Seine Mutter verließ die Familie, als er noch klein war, der Vater saß später im Gefängnis. Fryer wuchs bei seiner Großtante auf, die ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Drogen bestritt. Er selbst dealte als 13-Jähriger Marihuana. Als seine Freunde bei einem Einbruch von der Polizei erwischt wurden, begann Fryer umzudenken. Mit seinen Bezahlprogrammen für Schüler will er nun erreichen, dass es bei Kindern aus ähnlichen Verhältnissen gar nicht erst so weit kommt. Das Geld, das sie durch gute Leistungen in der Schule verdienen können, soll sie von einer kriminellen Karriere abhalten. "Das ist eine Sache zwischen mir und den Zehnjährigen in Harlem", sagte Fryer beim Start seines Programms.

An mehreren Schulen in New York begann Fryer daraufhin, gute Noten mit Beträgen bis zu 50 Dollar zu belohnen. Bei einem weiteren Projekt wollte er den Schülern kostenlose Gesprächsminuten für ihr Handy als Gegenleistung für gute Schulleistungen geben, doch dieser Versuch scheiterte an mangelnden Sponsoren und einem Gesetz des Bundesstaates New York. Dort sind Handys in Schulgebäuden verboten.

Mit seinen Belohnungsexperimenten hat Fryer auch viel Kritik geerntet. Lernen solle sich um des Lernens willen lohnen und nicht wegen des Geldes. Die Journalistin Susan Dominus von der "New York Times" befürchtet etwa, dass man durch die Bezahlung von Schülern eine materielle Gesellschaft schaffe, die sich nur noch durch Geld motivieren lasse. Ilse Schaad von der Lehrergewerkschaft GEW ist ebenfalls gegen derartige Belohnungssysteme. "Schüler aus problematischen Verhältnissen brauchen kein Geld für gute Noten, sondern eine bessere Betreuung", fordert sie. Bildungsökonom Ludger Wößmann sieht beim Modell der Schülerbezahlung ohnehin schlechtere Ergebnisse als bei den Bonusprogrammen für Lehrer.

Doch beide Ansätze haben ein Problem: Wie lässt sich Schülerleistung zuverlässig messen? Lernfortschritte sind das Ergebnis eines komplexen Prozesses, der sich in Zahlen nur schwer darstellen lässt. Hier sind auch die Bildungsökonomen uneinig. Während Victor Lavy der Abweichung von seiner statistischen Vorhersage vertraut, plädiert Kerstin Schneider für konkrete Zielvereinbarungen, die Schulen individuell mit ihren Lehrern aushandeln sollen. "An einer Hauptschule im sozialen Brennpunkt sind andere Ziele zu erreichen als in einer Abiturjahrgangsstufe", sagt sie.

Ludger Wößmann schlägt unabhängige Tests am Ende des Schuljahrs vor, die nicht von den eigenen Lehrern bewertet werden, um keine Möglichkeit zur Manipulation zu lassen. Die Differenz zwischen zwei Testergebnissen könne man als Maß für den Lernfortschritt sehen. In einigen nicht-staatlichen Schulen gebe es auch gute Erfahrungen mit einem System, bei dem der Schulleiter am Ende des Schuljahres einen Bonus an Lehrer vergibt, die zum Beispiel eine erfolgreiche Nachmittags-AG organisiert haben, sagt Wößmann.

Einig sind sich Bildungsökonomen aber in einem: Leistung soll sich auch im Lehrerberuf lohnen.

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