Bildungsforscher
„Was Schulen lehren, fällt hinter der Realität zurück“

Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, hatte die Idee für den ersten Indikator, der das minimale ökonomische Wissen erhebt. Der Psychologie-Professor hatte bereits einen Indikator für das minimale medizinische Wissen erarbeitet und stieß bei seiner Erhebung ebenfalls auf große Wissensdefizite.
  • 2

Handelsblatt: Herr Prof. Gigerenzer, welches Ergebnis hat Sie am meisten überrascht?

Gerd Gigerenzer: Ich bin erstaunt darüber, dass herkömmliche Bildung kaum Einfluss auf das Wirtschaftswissen hat. Das zeigt der Vergleich unserer Daten mit den Pisa-Ergebnissen der Bundesländer. Selbst Personen, die in der Schule Wirtschaftskurse besucht haben, schneiden nur minimal besser ab als andere.

Wie erklären Sie sich, dass die Deutschen so wenig über Wirtschaft wissen?

Das, was in unseren Schulen gelehrt wird, fällt hinter der Realität und dem technischen Fortschritt weit zurück. Wir müssen die jungen Leute aber fit für die Zukunft machen, eben mit minimalem Wissen über Ökonomie, aber auch über Gesundheit. Und in diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, über Unsicherheit zu sprechen. In der Mathematik, welche an den Schulen gelehrt wird, sind alle Ergebnisse eindeutig und sicher, das ist für ein erstes Verständnis auch richtig und wichtig. Aber danach müssen wir auch vermitteln, wie wir mit Risiken und Wahrscheinlichkeiten umgehen.

Was wollen Sie ändern?

Wir müssen Politiker und Bürger aufrütteln. Wir wollen die Bildung der Bürger zum Thema machen. Wenn man mündige Bürger haben will, muss man was tun. Die kommen nicht von selbst. Nur wer die Welt mit ihren Risiken versteht, kann verantwortlich handeln. Und da hapert es einfach.

Fehlt es denn am politischen Willen oder am Interesse der Bürger?

Beides. Wir müssen die Politiker überzeugen, dass es sich lohnt, in lebenswirkliche Bildung der Bürger zu investieren, und die Bürger davon, dass sie das kleine Einmaleins der Ökonomie wirklich davor schützt, von Bankern, Versicherungen oder Marketingexperten hinters Licht geführt zu werden und dabei viel Geld zu verlieren. Aber auch die Medien sollten mehr darüber berichten, wie Verbraucher in die Irre geführt werden, und weniger darüber, wie die neueste Prognose irgendeines Instituts aussieht, die ohnehin nur von sehr begrenzter Aussagekraft ist.

Seite 1:

„Was Schulen lehren, fällt hinter der Realität zurück“

Seite 2:

Kommentare zu " Bildungsforscher: „Was Schulen lehren, fällt hinter der Realität zurück“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Auch der Herr Psychologe Gigerenzer,sollte die Überschrift ihn zitieren,braucht noch etwas mehr an bildung.
    "fällt hinter der Realität zurück" gibt es in der deutschen Sprache nicht. Entweder "bleibt hinter der
    Realität zurück" oder "fällt hinter die Realität zurück" Ein bildungsexperte sollte schon selbst einermassen Deutsch können. Freundliche Grüße

  • Das Handeln der Politik in bildungs- u. damit einhergehenden Finanzierungsfragen zeugt doch deutlich davon, daß der "mündige bürger", den der Prof. hier propagiert, gar nicht gewünscht wird.

    Wie sagt doch der Minister zum bischof? "Halt Du sie dumm, ich halt sie arm."

    Das entspricht der heutigen Politik.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%