Biografie des „Superministers“
Eitel, arrogant, beratungsresistent und intellektuell brilliant

Eitel, arrogant und intellektuell brillant. Dabei sensibel und weitgehend beratungsresistent. Das war Karl Schiller, die „Diva der SPD“. Die erste Biografie des „Superministers“ zeichnet einen Modernisierer, der die Wirtschaftspolitik der Sozialisten prägte, aber an der Umsetzung der Theorie in die Politik scheiterte.
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DÜSSELDORF. Selbst der spätere „Weltökonom“ Helmut Schmidt blieb von der Überheblichkeit Karl Schillers nicht verschont: Er könne es natürlich noch einmal erklären, so der „Superminister“ in einer Kabinettssitzung 1972, „aber das habe der Herr Verteidigungsminister schon damals in seinem Oberseminar nicht verstanden“. Schmidt, seinerzeit Student der Nationalökonomie bei Schiller, hatte sich erlaubt, dessen Berechnungen infrage zustellen.

Eitel, arrogant und intellektuell brillant. Dabei sensibel und weitgehend beratungsresistent. Das war Karl Schiller, die „Diva der SPD“. Vor Oskar Lafontaine war keiner in der Partei so umstritten wie der Ökonom. Der Historiker Torben Lütjen legt jetzt die erste, sehr lesenswerte Lebensbeschreibung Karl Schillers vor – eine politische Biografie im besten Sinne, die dessen Privatleben nur dort streift, wo es für das politische Wirken von Bedeutung ist.

Schiller wuchs als Scheidungskind in bescheidenen Verhältnissen auf. Seine Aufsteigermentalität – gespeist aus Leistungsethos, Fleiß und Intelligenz – führte ihn dennoch an die Universität. Seine legendäre Dissertation über „Arbeitsbeschaffung und Finanzordnung“ aus dem Jahre 1935 lieferte auf der Basis des Keynesianismus die theoretische Erklärung für den Erfolg der nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffungspolitik. Obwohl ohne Sympathie für die Nationalsozialisten, die seine Doktorarbeit wegen fehlender Begeisterung für deren Ideologie ablehnten, trat er aus Opportunismus dennoch in die NSDAP ein – darin ein typisches Kind seiner Zeit. Nach dem Krieg kam Schiller zur langersehnten Professur an der Universität Hamburg. Im Stadtstaat war er zwischen 1948 und 1953 auch Wirtschaftssenator, ebenso wie von 1961 bis 1965 in Berlin. Quasi nebenbei modernisierte er das Wirtschaftsprogramm der SPD, die sich 1959 endgültig zur Marktwirtschaft bekannte. Am 1. Dezember 1966 erhielt er die Rolle seines Lebens: Bundeswirtschaftsminister, 1971 Superminister für Wirtschaft und Finanzen.

„Wettbewerb so weit wie möglich, Planung so weit wie nötig“, „konzertierte Aktion“, „Globalsteuerung“ und „magisches Viereck“. So lauteten die Schlagworte der Schiller’schen Wirtschaftspolitik, die bei der Bekämpfung der Rezession 1967 in den Augen der Öffentlichkeit ihren ersten Triumph feierte. Lütjen weist aber darauf hin, dass bisher noch so gut wie gar nicht untersucht worden sei, welchen Anteil die antizyklische Konjunkturpolitik an der exportgetriebenen wirtschaftlichen Erholung tatsächlich hatte. Dennoch lässt er Schiller Gerechtigkeit widerfahren. Lütjen zeigt auf, dass Schiller immer ein überzeugter Marktwirtschaftler war. Planung bedeutete für ihn nie Lenkung privater Investitionen oder gar eine Zentralverwaltungswirtschaft à la DDR, sondern lediglich den – zu ambitionierten – Versuch, die Konjunktur über die Höhe der Staatsausgaben zu steuern.

Im Frühjahr 1972 war Schiller mit seinem Latein am Ende. Die Inflationsrate stieg auf über fünf Prozent. Es gelang ihm nicht, die Staatsausgaben in der Hochkonjunktur zurückzufahren, wie es das keynesianische Modell vorsieht. Er konnte sich gegen die ausgabenfreudigen Minister nicht durchsetzen und trat zurück. Dass er danach Wahlkampf gegen die SPD machte, hat ihm die Partei ein Jahrzehnt lang nicht verziehen. Woran ist Schiller gescheitert? Lütjen führt mehrere Gründe an: Sicher an den überzogenen Erwartungen an die keynesianische Theorie. Stärker aber noch an dem in der Rückschau naiven Glauben, Wirtschaftspolitik ließe sich jenseits von Ideologie, Interessengruppen und Parteipolitik streng rational von werturteilsfreien Experten gestalten. Schiller begriff erst spät, dass Politik und Wissenschaft nach unterschiedlichen Logiken funktionieren.

Torben Lütjen: Karl Schiller (1911-1994). „Superminister“ Willy Brandts; Dietz, Bonn 2007, 403 S., 34 Euro

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