"Boreout"
Warum langweilige Arbeit krank macht

Zuviel Stress kann krank machen. Das ist bislang hinreichend bekannt. Doch auch Unterforderung kann zu Problemen führen. Dass sich jemand in seinem Job langweilt, gibt jedoch kaum einer zu. Dabei ist Langeweile, Desinteresse und Unterforderung unter Arbeitnehmern weit verbreitet. Ein Fachbuch beleuchtet das Phänomen "Boreout", das in Deutschland Milliardenschäden verursacht.
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DÜSSELDORF. Menschen, die während der Arbeitszeit oft auf die Toilette verschwinden, leiden nicht zwingend an Durchfall. Vielleicht ist ihnen nur schlicht und einfach langweilig, und auf der Toilette müssen sie den Kollegen nicht ständig vorspielen, beschäftigt zu sein. Denn während Stress sozial erwünscht ist, gibt kaum jemand zu, sich in seinem Job zu langweilen, sagen die Autoren des Buchs „Diagnose Boreout. Warum Unterforderung im Job krank macht“.

Die Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter R. Werden beschreiben, wie Arbeitnehmer nach und nach Strategien entwickeln, um sich ihren Aufgaben zu entziehen. Der Grund: Sie sind nicht motiviert. Dabei sind sie nicht faul, vielmehr seien „Arbeitnehmer, die an Boreout leiden, faul gemacht worden“, sagen die Autoren. Der Boreout sei ein Teufelskreis, der in Deutschland einen geschätzten gesamtwirtschaftlichen Schaden in Höhe von über 250 Milliarden Euro verursacht.

Die falsche Vorstellung, dass es schön sei, bei der Arbeit nichts zu tun, sei der Ausgangspunkt des „Boreout-Paradoxes“, das verhindert, dass der gelangweilte Arbeitnehmer nichts an seiner Situation ändert. Anfangs genieße er seine Freiräume und widme sich während seiner Arbeitszeit privaten Dingen, schreiben Rothlin und Werden. Doch irgendwann beginnt er, sich zu langweilen. Er wird unzufrieden und frustriert. Warum er nicht zu seinem Chef geht und um neue Aufgaben bittet? Weil er Angst hat, dass ihn neue, anspruchsvollere Aufträge stressen könnten.

„Der Boreout ist in erster Linie ein Phänomen unserer Dienstleistungsgesellschaft und der sich darin entwickelnden Berufe“, sagen Rothlin und Werden, in denen jeder „einfach so vor sich hin arbeiten und schwammige Resultate präsentieren kann“. Um die Voraussetzungen des Bore-outs zu identifizieren, gehen die Autoren zurück ins Zeitalter der Industrialisierung und greifen Karl Marx’ Begriff der „entfremdeten Produkte“ auf. Anders als früher arbeiten die meisten Menschen heutzutage nicht mehr für sich selbst und identifizieren sich oft auch nicht mit Unternehmen und Produkten. Selbstständige leiden nicht am Boreout.

Das Buch hilft dabei, das Phänomen zu diagnostizieren. Dabei ist es locker geschrieben und dank der klar strukturierten Kapitel gut verständlich. Wer dem Boreout entfliehen will, muss Verantwortung für sich selbst übernehmen, sagen die Autoren. Denn nur wer dies tut, ergreift auch die Initiative, um gegen die Unzufriedenheit im Job anzugehen. Dem Leser wird eine Anleitung an die Hand gegeben, um dem Boreout entfliehen zu können. Entscheidend für die Zufriedenheit im Job sei, dass der Arbeitnehmer einen Sinn in seiner Tätigkeit sieht, die Arbeitszeit sinnvoll nutzt und so gut wie möglich bezahlt wird. Die Autoren geben zu, dass nicht jeder eine Arbeit ausüben kann, die ihn interessiert. Man sollte aber versuchen, Aufgaben zu bekommen, die einen interessieren.

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