Brain Drain in der VWL
Clemens Fuest wechselt nach Oxford

Der Brain Drain in der deutschen VWL geht weiter: Auch der Kölner Ökonomie-Professor Clemens Fuest wechselt ins Ausland. Fuest wird ab Oktober 2008 Research Direktor des Center for Business Taxation an der Universität Oxford, teilte die Hochschule heute mit. Mit Fuest verliert die deutsche VWL erneut einen der forschungsstärksten Volkswirte an das Ausland.
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Fuest, der seit 2004 einen Lehrstuhl für Finanzwissenschaft an der Uni Köln hat, ist auch Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beitrats beim Bundesfinanzministerium. "Ich freue mich sehr, dass Clemens Fuest zu uns kommt", kommentierte Michael Devereux, Direktor des Zentrum. "Als einer der führenden jungen Volkswirte in Euroa und einer der führenden Denker auf dem Gebiet der Besteuerung bringt er einen bemerkenswerten Forschungsoutput mit", so Devereux. Fuest sieht das Center für Business Taxation als "Europas führende Forschungseinrichtung auf dem Gebiet der Unternehmensbesteuerung." Mit seinem interdisziplinärem und internationalem Team biete es ein einmaliges Forschungsumfeld.

Fuest ist einer der forschungsstärksten Finanzwissenschaftler in Deutschland. Im Handelslbatt-Ökonomenranking liegt bei den Unter-40-Jährigen derzeit auf dem siebten Platz.

Fuest ist bei weitem nicht der erste deutsche Top-Ökonom, der ins Ausland wechselt. Neben zahlreichen Nachwuchsforschern verloren die deutschen Fakultäten zuletzt mindestens ein halbes Dutzend ihrer besten Forscher an ausländische Hochschulen: So wechselte der Berliner Makro-Ökonom Harald Uhlig nach Chicago, der Bonner Wirtschaftstheoretiker Georg Nöldeke ging nach Basel, die Makroökonomen Felix Kübler (Mannheim) und Dirk Kürger (Frankfurt) an die University of Pennsylvania. Hans Gersbach zog von Heidelberg nach Zürich, Daniel Sturm von München nach London. Und ein Ende des "Brain Drains" ist nicht in Sicht - mehrere führende deutsche Ökonomen werden derzeit von internationalen Top-Unis umworben. "Die Abwanderung hat sich in den letzten Jahren verschärft", sagte Ifo-Chef Hans-Werner Sinn bereits Ende 2006 dem Handelsblatt. "Gerade sehr guten Forscher verlieren wir in spürbarem Ausmaß an ausländische Hochschulen." Umgekehrt haben jedoch selbst die besten deutschen Fakultäten erhebliche Probleme, Forscher aus dem Ausland anzuwerben.

Grund für die Misere sind die verknöcherten Strukturen der heimischen Hochschulgesetzgebung - sie macht die Unis unflexibel, bürokratisch und verhindert, dass sie Spitzenforschern konkurrenzfähige Gehälter anbieten können. Harald Uhlig hatte Ende September 2007 in einer eine schonungslose Abrechnung mit dem deutschen Hochschulsystem im Allgemeinen und den hiesigen VWL-Fakultäten im Besonderen veröffentlicht. Den deutschen Fachbereichen für VWL attestiert er mangelnde wissenschaftliche Exzellenz. Verantwortlich dafür sei die Hochschulpolitik.

Fuest ist einer der wenigen Finanzwissenschaftler in Deutschland, der auf internationalem Niveau forscht. Die meisten seiner Fachkollegen publizieren hauptsächlich im deutschsprachigen Raum - oder konzentrieren sich ganz auf die Politikberatung. Fuest ist der einzige Finanzwissenschaftler, der es im Handelsblatt-Ranking der forschungsstärksten Volkswirte in die Top 10 der unter Vierzigjährigen schafft - obwohl die Disziplin eigentlich eine klassische Stärke der deutschen Ökonomie ist.

Trotz seiner starken Forschungsorientierung ist der Kölner Professor aber niemand, der sich den Vorwurf der esoterischen Glasperlenspielerei gefallen lassen müsste. Die Wirklichkeit verliert Fuest in seiner wissenschaftlichen Arbeit nicht aus dem Blick - er verbindet die mathematisch geprägte finanzwissenschaftliche Theorie mit den modernen ökonometrischen Methoden der empirischen Wirtschaftsforschung. Denn darin sieht er die Zukunft der modernen Finanzwissenschaft: theoretisch auf hohem Niveau, aber trotzdem mit empirischem Schwerpunkt. "Die bisherige Arbeitsteilung zwischen Theoretikern und Empirikern wird sich abschwächen."

So untersuchte er mit einem Ko-Autor am Beispiel der ausländischen Direktinvestitionen, welche konkreten Folgen die Unternehmensteuerreform der rot-grünen Bundesregierung auf das Investitionsverhalten von Unternehmen hatte. Seine Ergebnisse dürften auch Ordnungspolitikern der alten Schule gefallen.

Denn Fuest stellte fest: Die niedrigeren Steuern führten für sich genommen dazu, dass die Investitionen der Unternehmen stiegen - nur wurde diese positive Wirkung durch die Konjunkturschwäche überdeckt. "Ohne die Unternehmensteuerreform wären die Investitionen aber noch stärker gefallen." Fuest selbst aber betont: "Ich hätte auch nichts gegen das gegenteilige Ergebnis gehabt - es ging uns einfach darum, die Daten sprechen zu lassen."

Die für Forschung auf internationalem Niveau nötigen ökonometrischen Methoden eignete sich Fuest größtenteils autodidaktisch an - ein systematisches Graduiertenprogramm hat er nicht absolviert. "Ich habe mir wichtige Aufsätze geschnappt und sie so lange durchgearbeitet, bis ich sie wirklich nachvollziehen konnte." Das sei teilweise eine quälende Angelegenheit gewesen. "Für mache Arbeiten brauchte ich Wochen." Seine wissenschaftliche Laufbahn glich bis zu seinem Ruf an die Uni Köln im Jahr 2001 einer Odyssee: Das Grundstudium absolvierte er in Bochum, das Diplom in Mannheim, die Promotion in Köln und die Habilitation in München.

Trotz seiner Vorliebe für vorurteilsfreie Forschung ist Fuest aber nicht mit der bei empirischen Wirtschaftsforschern verbreiteten Berufskrankheit infiziert, in wirtschaftspolitischen Debatten bis in die Haarspitzen zu differenzieren. Im Gegenteil, der gebürtige Westfale hat keine Scheu vor argumentativer Zuspitzung. So attestierte er NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) jüngst, "keine Ahnung von Ökonomie" zu haben. Und um der Öffentlichkeit die Unsinnigkeit der Steinkohle-Subventionen deutlich zu machen, rechnete er vor, dass man für das gleiche Geld 50 000 Lehrer einstellen könnte.

"Es gibt immer einen Punkt, an dem man die Ergebnisse gewichten und sich eine klare Meinung bilden muss", sagt er. Nur müsse man sich selbst bewusst sein, dass man dann "keine in Granit gemeißelten Wahrheiten" präsentiert. "So eine Argumentation hat immer ein selektives Element."Anders aber gehe es nicht. "Sonst wird man nicht gehört." Und gehört werden, das will Clemens Fuest durchaus.

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