Dawes- und Young-Plan
Reparationszahlungen auf Pump

Deutschland erlebte durch Auslandskredite die Goldenen Zwanziger. Es konnte massiv private Kredite aus den USA beziehen. Doch diese Zeit endete schnell und die Katastrophe begann.

FrankfurtDie Sieger des Ersten Weltkriegs setzten 1923 eine Kommission unter dem amerikanischen Banker und Politiker Charles Dawes ein, die das deutsche Finanzwesen stabilisieren sollte. Der Dawes-Plan führte dazu, dass Deutschland trotz der Reparationsforderungen massiv privaten Kredit, vor allem aus den USA, beziehen konnte.

Der Trick bestand darin, dass diese Kredite bei Devisenknappheit gegenüber den Reparationsanleihen vorrangig bedient werden konnten. Gebietskörperschaften, Staats- und Privatbetriebe holten sich daraufhin massenhaft Kredite in fremder Währung, so dass Deutschland keinerlei eigenes Geld aufwenden musste, um die Reparationslasten zu tragen. Anstatt einen Exportüberschuss zu schaffen, wie es nötig gewesen wäre, um einen tatsächlichen Wohlstandstransfer ins Ausland zu bewerkstelligen, leistete sich Deutschland zu dieser Zeit sogar Importüberschüsse, lebte also über seinen Verhältnissen.

Der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl beschreibt Deutschlands Interessen so: "Angenommen, ein Schuldner weiß, dass seine Gläubiger ihm morgen außer dem Existenzminimum alles wegnehmen werden, und jemand anderes ist bereit, ihm heute noch Kredit zu geben, wird er ihn nehmen?" Seine Antwort ist ein klares Ja.

Der Devisenzufluss stabilisierte die deutsche Währung und sorgte für eine kurze Phase des Aufschwungs. Historikern zufolge war sich die Regierung durchaus des schönen Nebeneffekts bewusst, dass die mächtigen US-Banker auf diese Weise ein Eigeninteresse an einer Streichung der Reparationsschulden bekamen. Schließlich konnte Deutschland unmöglich beide Arten von Schulden begleichen.

Doch die Goldenen Zwanziger endeten schnell - zumal der Kredittrick am Grundproblem der zu hohen Reparationen nichts änderte. Zwar setzte die nächste Kommission unter dem US-Industriellen Owen Young die jährlichen Zahlungen 1929 herunter. Doch gleichzeitig beendete sie den Vorrang kommerzieller Kredite bei der Schuldenbedienung.

So bekam Deutschland praktisch keine privaten Kredite mehr, zumal kurz danach die Weltfinanzkrise ausbrach. Die deutschen Banken mussten die Kreditvergabe im Inland weitgehend einstellen. Der Staat, der plötzlich mit viel weniger Geld auskommen musste, begann ein extrem hartes Sparprogramm. Das Ende ist bekannt.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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