Debatte um Steven Levitt
Freakonomics und kein Ende

Der Erfolg eines Buches löst eine Debatte aus, womit sich Ökonomen beschäftigen sollten.

"Was ist, wenn Präsidentin Chelsea Clinton in 20 Jahren einen Ökonomen sucht, um ihn zum Notenbankpräsidenten zu machen, und das Einzige, was sie in der American Economic Association finden kann, sind Experten für Fernseh-Spielshows und für Sumo-Ringen?“ Diese rhetorische Frage ist ein Seitenhieb von Greg Mankiw, einem der renommiertesten Makroökonomen, auf Steven Levitt, den Autor des ökonomischen Bestsellers „Freakonomics“. Chelsea ist die Tochter der aussichtsreichen demokratischen Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton.

So groß ist der Erfolg des populärwissenschaftlichen Werks, das seit vielen Wochen die Bestsellerlisten der Sachbücher anführt, dass inzwischen traditionelle ökonomische Fragestellungen bei jungen aussichtsreichen Ökonomen etwas aus der Mode kommen – zu Gunsten von schlagzeilenträchtigen von den Rändern der Ökonomie, die Levitt in seinem Buch popularisiert. Bei Studenten in Chicago hat Levitt Kultstatus.

In dem Buch legen Levitt und sein Ko-Autor, der Journalist Stephen Dubner dar, wie man mit modernen ökonomischen Analysemethoden zum Beispiel zeigen kann, dass in einer populären Spielshow Rassendiskriminierung stattfindet und dass bei Wettkämpfen von Sumo-Ringern nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Mankiws Kommentar ist Teil einer Diskussion, die seit vergangener Woche die ökonomischen Weblogs füllt, ausgelöst von Noam Scheiber, einem Redakteur des konservativen „New Republican“. Der fragte in einem langen und provokanten Artikel: „Ruiniert Levitt die Ökonomie“ – und beantwortet die Frage mit einem klaren Ja. Nicht viele Themen haben in so kurzer Zeit so viele ökonomische Internetforen beschäftigt und dort eine so große Publikumsresonanz hervorgebracht wie diese These.

Schreiber macht Levitt für einen Trend verantwortlich, den Nobelpreisträger James Heckman bereits 2005 beklagte. Er verwendet auch Heckmans Argumentation, die dieser allerdings nicht explizit auf Levitt bezogen hat. „In der Ökonomie gibt es einen Trend, „mit sexy Themen, die oft zitiert werden, auf sich aufmerksam zu machen“, sagte Heckman in einem Interview. „Teilweise ist das Niveau auf das von Artikeln im „New Yorker“ gesunken. Meist sind diese Arbeiten ohne Substanz, aber sie machen kurzfristig Furore. Viele junge Ökonomen entscheiden sich für sexy und clever, anstatt sich an schweren und wichtigen Grundsatzproblemen abzuarbeiten.“

Heckman wie Scheiber beklagen eine Verlagerung des Interesses weg von der Fragestellung, hin zur Datenlage. Anstatt sich eine wichtige Fragestellung auszusuchen und mit den vorhandenen Daten das Beste zu machen, werde nach originellen Datensätzen und „natürlichen“ Experimenten gesucht und erst danach überlegt, welche Frage man damit (möglichst publizitätswirksam) beantworten könne.

Ob diese Fragen dann innerhalb des traditionellen Gebiets der Ökonomie lägen oder ganz woanders, sei den betreffenden Ökonomen fast gleichgültig, greift Scheiber ein Argument auf, das auch schon der renommierte israelische Ökonom Ariel Rubinstein gegen den von Levitt beförderten „Imperialismus“ der Ökonomen vorgebracht hat. Vieles von Levitts Arbeit habe nicht das Geringste mit Ökonomie zu tun.

Der Tenor der Internetdiskussion der Ökonomen dazu gibt Rubinstein und Scheiber allerdings nicht Recht: „Wenn ein Forscher mit überzeugenden Methoden eine interessante Frage beantwortet, ist es unwichtig, in welche Schublade man diese Forschung steckt“, meint die Mehrheit der Ökonomen.

Die „cleveren Methoden“, die seit dem Erfolg von Freakonomics so geschätzt werden, sind vor allem natürliche Experimente und die damit verwandten Instrumentenvariablen. Diese heranzuziehen dient vor allem dazu, Ursache und Wirkung sauber auseinander zu halten. Wenn etwa geklärt werden soll, ob und wie sehr zusätzliche Polizisten die Kriminalitätsrate senken, führt eine Regression in die Irre, die zeigen würde, dass die Kriminalität vor allem dort besonders hoch ist, wo viele Polizisten sind. Wahrscheinlich ist die Kausalität umgekehrt. Wo die Kriminalität hoch ist, werden viele Polizisten eingesetzt. Ein natürliches Experiment hat man dann, wenn aus einem Grund, der eindeutig nichts mit der örtlichen Kriminalitätsrate zu tun hat, an manchen Orten besonders viel oder wenig Polizisten eingesetzt werden. Freakonomics ist voll von derartigen Beispielen.

Dave Tufte von der Southern Utah University widerspricht der These, „clever“ werde zu Lasten von „wichtig“ überbetont: „Als ich studierte, wurde uns gelehrt, erstens unsere Hände in die Luft zu werfen und zu klagen, dass man manche Fragen einfach nicht beantworten könne, und zweitens, das Mantra zu wiederholen, dass es schwer sei, festzustellen, in welche Richtung eine Kausalbeziehung laufe. Zu beklagen, dass das heute nicht mehr so viel gemacht wird, dass stattdessen nach Daten gesucht wird, mit denen man manche Kausalitäten aufdecken kann, halte ich für bizarr.“ Die meisten Teilnehmer an den Weblog-Diskussionen teilen diese Meinung.

Auch der These, durch den Fokus auf möglichst originelle Daten und Methoden werde wertvolle „harte“ ökonomische Forschung verdrängt, widersprach die Mehrzahl der Diskutanten. „Bevor Levitt und andere das Interesse an empirischer Forschung beflügelten, war die Alternative für viele Top-Studenten nicht tiefgehende Forschung über bedeutsame Fragen der Menschheit, sondern nabelschauende mathematische Exerzitien über teilspielperfekte Gleichgewichte oder ökonometrische Filter der n-ten Ordnung“, bemerkt ein Blogger.

Selbst Mankiw taugt hier nicht als Kronzeuge. Er sagt voraus, dass die Begeisterung für clevere Datenfunde mit zunehmender Sättigung bald nachlassen werde. Er hält die Anreize im Fach für gut genug, dass die besten Leute sich weiter den großen Fragen zuwenden werden, soweit sie hoffen, Fortschritte machen zu können. Gerade an dieser Zuversicht fehlt es aber oft. Mankiw gehört zu denen, die beklagen, dass in der Makroökonomie in den letzten Jahrzehnten wenig Neues von praktischer Relevanz produziert wurde.

Es war schon einmal viel schlechter: zu theoretisch, zu viel Spieltheorie und zu wenig Interesse an der wirklichen Welt“, begründet Tyler Cowen, Professor an der George Mason University in Virginia, warum er meint, dass Levitt der Volkswirtschaftslehre einen Dienst erwiesen habe. Das Mindeste ist, dass die Freakonomics-Bewegung dazu geführt hat, dass jetzt jeder versteht, welche Bedeutung Anreize haben, und das ist nicht selbstverständlich.

Einig sind sich alle in der Diagnose, dass Levitt das Interesse an Ökonomie enorm gesteigert hat und zu vielen zusätzlichen Ökonomiestudenten geführt hat. Joshua Angrist, ein renommierter empirischer Ökonom, freut sich: „Meine 17-jährige Tochter hat sich das Buch gekauft. Sie sagt, sie habe nicht gewusst, dass Ökonomie so cool sein könne, und fragt mich jetzt sogar, woran ich gerade arbeite“, schreibt Angrist und fügt hinzu: „ Ich lüfte meinen Hut vor Dubner und Levitt – und hoffe, vielen der Leser einmal in einem Vorlesungssaal zu begegnen.“ Doch nicht alle sind über den Zustrom von Levitt-Jüngern uneingeschränkt glücklich. Ein Professor schreibt, er habe viele Studienanfänger in seinen Kursen, die spannende Detektivgeschichten à la Levitt erwarten. Diese verabschiedeten sich bald wieder, wenn er von ihnen verlange, komplizierte Gleichungssysteme zu lösen.

Der Professor handelte sich allerdings gleich den Hinweis von einem Kollegen ein, dass nicht Levitt daran schuld sei, dass die Studenten das Handtuch werfen, sondern derjenige, der den Studenten Formelhuberei allein um des Rechnens willen abverlange.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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