Der ökonomische Gastkommentar
Die überraschende Krise

Die Subprime-Krise kam für die Finanzmärkte aus heiterem Himmel – wieder einmal. Angesichts sich fortsetzender Krisen weltweit stellt sich die Frage, ob die Banker unbelehrbar sind oder die Einbrüche tatsächlich unvorhersehbar. Ein Kommentar von Ulrich Heilemann .

Über die Definition von Finanzmarktkrisen streiten sich zwar die Ökonomen, aber keiner wird leugnen, dass wir mitten in einer stecken, selbst wenn ihr Ausmaß noch nicht abzusehen ist. Dem Publikum, vom Börsenkrach 2000 noch kaum erholt, schwant Arges, und verärgert fragt es, ob wir denn gar nichts lernen?

Es sieht nicht danach aus. Bislang wurde jedenfalls keine Finanzmarktkrise – ob Börsenkrach 1987, EWS-Währungskrise 1992, Südamerika-/Russland-/Südostasienkrise 1998 und Börsenkrach 2000 – richtig prognostiziert. Stets stellen sich die Krisen überraschend ein und setzen die Politik unter großen Zeitdruck. Zwar fehlt es nie an Stimmen, die warnend auf exorbitante monetäre, reale oder fiskalische Ungleichgewichte – meist die Folge von „zu viel Geld“ im In- oder Ausland – hinweisen. Aber irgendwo sagt eben immer irgendwer das Richtige.

Auf überdurchschnittliche Renditen erpichte Anleger, Banken, gelegentlich sogar Zentralbanken, wähnen alles unter Kontrolle, und eine Weile nährt die Hausse ja sich selbst. Sind die Gefahren für das Ganze – die „systemischen Risiken“ – oder für einzelne Gruppen groß genug, dürfen die Finanzmärkte darauf vertrauen, dass die Zentralbanken sie nicht im Stich lassen können. Geht diese Rechnung nicht auf – die Fälle sind rar –, erfreut man sich immerhin der bis dahin hohen Erträge. Außerdem arbeitet man ja meist mit dem Geld anderer Leute, einschließlich dem des Steuerzahlers.

Der Zusammenbruch kommt unvermittelt. Zunächst ist nur von „erwarteten notwendigen Korrekturen“ die Rede, bald sind diese „größer und dauerhafter als eingeschätzt“, schließlich drohen Wachstumsverluste bis hin zur Rezession. Paradoxerweise ist dies meist für viele oft die beste Botschaft, denn ihr folgen Geldspritzen für die Finanzmärkte, und sie ruft die Fiskalpolitik auf den Plan.

Beispiel Börsenkrach 1987: Als dessen Folge war für 1988 in Deutschland eine Wachstumsabschwächung auf 1,5 Prozent befürchtet worden. Als Folge der weltweiten Interventionen waren es am Ende 3,5 Prozent. Die Bereitschaft, mehr Geld zur Verfügung zu stellen, ist dabei umso größer, je wahrscheinlicher ohnehin ein kräftiger Abschwung ist. Genau dies ist für das Auftreten von Finanzkrisen typisch – in den USA kursiert seit einem Jahr das Stagflationsgespenst.

Natürlich gibt es Unterschiede. Bankenkrisen laufen anders ab als Aktienmarkt-, Währungs- oder Edelmetallkrisen. Aber das Grundmuster ist das gleiche. Natürlich lernen Banken, Zentralbanken, Bankenaufsichten und Politik. Krisenindikatoren werden entdeckt, mehr Transparenz wird gefordert, neue „Regulierungen“ sollen die nächste Krise verhindern.

Fraglos wird damit Unheil vermieden, auch wenn eine Chronik der „verhinderten Krisen“ schwer zu schreiben ist. Immerhin hielten sich die Folgen der verschiedenen 1998er Krisen für die Weltwirtschaft dank dem umsichtigen damaligen Chef der US-Notenbank Alan Greenspan in engen Grenzen.

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