Deutscher Wirtschaftsbuchpreis
Der Siegeszug der freien Marktwirtschaft

Der Wirtschaftshistoriker Ivan T. Berend vergleicht die ökonomischen Ordnungen in der europäischen Geschichte. In den Mittelpunkt seines Buches „Markt und Wirtschaft“ aber stellt er den Siegeszug der freien Marktwirtschaft. Fast scheint es, als seien Adam Smith, David Ricardo und John Stuart Mill wieder lebendig.

DÜSSELDORF. Die Freiheit der Märkte, das Ende staatlicher Interventionspolitik und die Beseitigung des Wohlfahrtsstaats – alles, was die berühmten Ökonomen Adam Smith, David Ricardo und John Stuart Mill vor zwei Jahrhunderten forderten, kehrt nun mit der Globalisierung zurück. Mächtiger als jemals zuvor. „Unter dem Druck der wiedererstarkten Ideologie vom freien Markt“, schreibt der Wirtschaftshistoriker Ivan T. Berend, „wurde die Rückwendung zum selbstregulierten Markt geradezu unaufhaltsam.“

Den Siegeszug der freien Marktwirtschaft stellt Berend in den Mittelpunkt seines Buches „Markt und Wirtschaft. Ökonomische Ordnungen und wirtschaftliche Entwicklung in Europa seit dem 18. Jahrhundert“. Dieser Siegeszug war allerdings alles andere als unvermeidlich. Zwar hatten Adam Smith und andere Vordenker das freie Spiel der Marktkräfte noch als unabänderliches Naturgesetz begriffen. Doch Berend zeigt, dass sich die Idee vom freien Markt mit einer Reihe von Gegenentwürfen messen musste.

Wird das 19. Jahrhundert noch vom ökonomischen Laissez-faire bestimmt, brechen die Märkte mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs zusammen. Nicht nur kriegsführende Länder schotten sich ab, auch zahlreiche neutrale Staaten stellen ihre Wirtschaft unter strikte Aufsicht des Staates. Diesen „wirtschaftspolitischen Nationalismus“ verstärkt die Weltwirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre.

Zum bedeutendsten Kritiker der klassischen Theorien wird John Maynard Keynes, dessen Lehre die staatliche Interventionspolitik salonfähig macht. Daraufhin waren „Mischwirtschaft und Wohlfahrtsstaat“, wie Berend schreibt, „prägend für fast die gesamte zweite Jahrhunderthälfte“.

Neben den großen Entwicklungslinien beleuchtet Berend auch die abseitigen Schauplätze: zum einen das Wirtschaftssystem diktatorischer Staaten, etwa im faschistischen Italien, im nationalsozialistischen Deutschland oder in Spanien und Portugal, deren Wirtschaftsordnungen unter Franco und Salazar immerhin bis in die siebziger Jahre bestanden.

Zum anderen besticht „Markt und Wirtschaft“durch die genaue Analyse der zentralen Planwirtschaft in der Sowjetunion und den Ostblockstaaten. Berend kennt den Sozialismus auch aus eigener Anschauung. Er hat sowohl im Fach Wirtschaft als auch Geschichte an der Universität in Budapest promoviert. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs lehrt Berend an der University of California Los Angeles (UCLA).

Das Experiment eines „Nicht-Marktsystems“ in Osteuropa ist mittlerweile Geschichte. Auch die Mischökonomien in Westeuropa haben sich seit den Strukturkrisen der siebziger und achtziger Jahre gewandelt – sie wurden abgelöst durch einen neuen Liberalismus.

Ivan T. Berend: „Markt und Wirtschaft“

; Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2007, 238 Seiten, 29,90 Euro.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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