Die klügsten Köpfe der BWL
Grenzgänger zwischen Volks- und Betriebswirtschaftslehre

Dirk Sliwka ist 34, promovierter Volkswirt und BWL-Professor an der Universität Köln – Der Personalökonom hat sich auf die Analyse von Anreizmechanismen in Unternehmen spezialisiert.

KÖLN. Bauchschmerzen – das verbindet Dirk Sliwka mit Raum 55, einem schlichten Seminarraum im „Juridicum“ der Uni Bonn. Jeden Mittwoch um 17.30 Uhr treffen sich dort die Doktoranden der „Bonn Graduate School of Economics“. Und regelmäßig musste Sliwka über die Fortschritte bei seiner Dissertation referieren – vor dem versammelten Professoren-Kollegium der Fakultät und den anderen Doktoranden. „Da ging es manchmal etwas ruppig zu“, erinnert sich Sliwka. „Vor so einer Präsentation hatte man so viel Stress wie vor dem Examen.“ Die Bonner stellen höchste Ansprüche an Doktoranden. „Wenn Sie die Kolloquien in Raum 55 überstehen, sehen Sie jedem Vortrag auf einer internationalen Konferenz gelassen entgegen.“

Für Sliwka hat sich die Mühe gelohnt: Die Uni Köln berief den heute 34-jährigen 2004 zum Professor für Betriebswirtschaftslehre (BWL). Wissenschaftlich spielt er in der ersten Liga: Im Handelsblatt-Ranking der forschenden Betriebswirte rangiert er auf Platz fünf.

Ein reinrassiger Betriebswirt ist Sliwka nicht. Diplom und Promotion absolvierte er in der Nachbardisziplin Volkswirtschaftslehre (VWL). Erst in der Habilitation hat er sich der BWL zugewandt. „Die starke Trennung von VWL und BWL, wie sie in Deutschland an manchen Universitäten betrieben wird, ist nicht vernünftig“, meint Sliwka dazu. Tatsächlich ist diese Teilung in Deutschland strikter als andernorts. In den USA beispielsweise ist es nicht ungewöhnlich, dass Volkswirte an Business-Schools lehren und forschen.

Zwar leitet Sliwka einen Lehrstuhl für das klassische BWL-Thema Personalwirtschaft, inhaltlich wie methodisch ist er aber ein Grenzgänger zwischen den Disziplinen. „Ich verstehe mich als Personalökonom“, lautet sein wissenschaftliches Selbstverständnis. Schon während Dissertation und Habilitation hat er sich mit den Wirkungen von Anreizmechanismen beschäftigt. Heute vereint er in seiner Arbeit die traditionelle Personalwirtschaftslehre mit der Spieltheorie, der experimentellen Wirtschaftsforschung und der Psychologie. Sliwka wendet Ansätze der experimentellen Wirtschaftsforschung und der Spieltheorie auf klassische personalwirtschaftliche Fragen an. Wie ist das optimale Verhältnis zwischen Vertrauen und Kontrolle in einem Unternehmen? Wie sollten leistungsorientierte Entlohnungssysteme im Detail konstruiert sein? Wie organisiert man ein System zur Leistungsbewertung von Mitarbeitern? Wie kann ein Unternehmen sein Humankapital erfassen und messen?

„Ein Vortrag von Ernst Fehr hat mir als Student die Augen geöffnet“, erinnert sich Sliwka. Rhetorisch brillant und inhaltlich überzeugend, habe ihm der Züricher Spitzenökonom deutlich gemacht, dass es sich die traditionelle Wirtschaftswissenschaft mit ihren Annahmen zur Natur des Menschen zu einfach mache. Schließlich gibt es viele Verhaltensweisen, die sich mit dem Konstrukt des „homo oeconomicus“ nicht vereinbaren lassen – zum Beispiel von Fairness und Neid getriebenes Verhalten. Fehr habe ihm deutlich gemacht, dass Wirtschaftswissenschaftler auch solche Verhaltensweisen präzise theoretisch und empirisch untersuchen können. Für die Analyse interner Prozesse in Unternehmen sei dies ein wichtiger Fortschritt. Denn: „Wenn man das Verhalten von Menschen verstehen will, kommt man an sozialen Normen nicht vorbei.“

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