Die Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaft in Kiel
Adam Smith, Goethe und Co.

Nirgendwo sonst in der Welt ist so viel ökonomisches Wissen an einer Stelle gesammelt wie in Kiel - von der Erstausgabe von Adam Smith’ berühmtem Hauptwerk bis zu einem erst wenige Tage alten Arbeitspapier einer australischen Universität über Shareholder-Value in Thailand. Ein Ortsbesuch in einer legendären Bibliothek.
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Den Goethe hält er in Ehren. Zwei Regalreihen füllen die Werke des Dichters im Büro von Horst Thomsen, dem Direktor der Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaft (ZBW) in Kiel. 116 Bände aus dem Weimarer Böhlau-Verlag, erschienen zwischen 1887 und 1906, die berühmte „Sophienausgabe“. „Die hat Bernhard Harms, der Gründer des Instituts für Weltwirtschaft, vor Jahrzehnten angeschafft“, sagt Thomsen. Ebenso wie Werke von Friedrich Schiller und Gotthold Ephraim Lessing.

„Schöne Literatur“ in einer ökonomischen Bibliothek? 1958 gab es deswegen mächtig Ärger mit dem Landesrechnungshof. Kostbarer Platz im Magazin würde verschwendet, monierten die Bürokraten und forderten: Fachfremde Bücher sollten aussortiert werden. In langen Briefen konnte der damalige Bibliotheksdirektor das mit Mühe verhindern – mit dem listigen Argument, die Bücher stünden in seinem Amtszimmer. Magazin-Platz gehe daher nicht verloren. Zudem seien auch literarische Klassiker durchaus für wirtschaftliche Fragen relevant.

Heute würde als Beleg dafür ein Verweis auf den Online-Katalog der ZBW genügen – 171 Treffer liefert der allein zum Stichwort „Goethe“. Darunter ein Aufsatz über „Goethes wirtschaftspolitische Vorstellungen“ aus dem Jahr 1966, über „Goethe’s second-price auction“ von 1998 und über die „Ökonomische Botschaft in Goethes Faust“ von 2004. Allesamt im Bestand der Kieler Bibliothek – und in Sekundenschnelle per Internet bestellbar.

Tradition und Moderne, sie liegen dicht beieinander in der ZBW in Kiel. An keinem anderen Ort der Welt ist so viel ökonomisches Wissen gesammelt wie hinter den dicken Betonwänden am Düsternbrooker Weg 120 – gut konserviert bei konstant 20 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 30 bis 40 Prozent: vier Millionen Bücher und andere Veröffentlichungen. Von der zweibändigen, 1776 im Londoner Strahan Verlag erschienenen Erstausgabe von Adam Smith’ berühmter „Inquiry into the nature and causes of the wealth of nations“ bis zu einem erst wenige Tage alten Arbeitspapier einer australischen Universität über Shareholder-Value in Thailand. 35 000 Bücher kommen Jahr für Jahr hinzu und neue Ausgaben von mehr als 24 000 Zeitschriften.

Die ZBW – eine legendäre Institution, die so schnell nichts ins Wanken bringt. Selbst Nazi-Zeit und Zweiten Weltkrieg hat sie unbeschadet überstanden. Kein Buch eines marxistischen oder jüdischen Autors wurde nach 1933 aus dem Bestand aussortiert, keines wurde im Krieg beschädigt. Auch vom Sparzwang der vergangenen Jahre, der vielen Uni-Bibliotheken arg zusetzte, blieben die Kieler verschont: Sie erhalten 18 Millionen Euro pro Jahr aus der Bund-Länder-Förderung, weil sie einen überregionalen Forschungsauftrag vorweisen können. „Wir haben noch nie ein Buch aus finanziellen Gründen nicht gekauft“, sagt Thomsen. Ein Angebot, das immer mehr Forscher zu schätzen wissen: Die Zahl der pro Jahr vor Ort ausgeliehenen Bücher ist inzwischen im Vergleich zu 2003 um 16 Prozent gestiegen, bei der Fernleihe liegt das Plus sogar bei fast 50 Prozent.

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