Diskussion über die richtige Geldpolitik
Wie die Bundesbank die Geldmenge zu retten versucht

Die internationale Wirtschaftswissenschaft und die meisten Zentralbanken haben sich von einer geldmengenorientierten Strategie abgekehrt. Auch bei der EZB wachsen die Zweifel an dem Konzept. Jetzt versucht die Bundesbank mit neuen Studien, die Relevanz der Geldmenge für die Inflation belegen. Doch die Skeptiker kann sie nicht überzeugen.
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Sie ist eines der ältesten Konzepte der Ökonomie und lässt sich bis zu Kopernikus zurückverfolgen: die Quantitätstheorie des Geldes. „Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen“, brachte Milton Friedman ihren Kern auf den Punkt.

Die Bundesbank gründete darauf ihre geldpolitische Strategie. Sie steuerte die Geldmenge, um indirekt die Inflation zu kontrollieren. Der Europäischen Zentralbank (EZB) hat sie das Konzept in abgeschwächter Form vererbt – als zweite „Säule“ der EZB-Strategie, in der diese die Geldmenge zwar nicht steuert, aber besonders eingehend auf ihre angenommene Bedeutung für die künftige Preisentwicklung hin analysiert.

International dagegen ist die Geldmengen-Orientierung aus der Mode gekommen. Die Wissenschaft hat sich davon abgekehrt, und unter den Notenbanken steht die EZB mit ihrer Strategie allein. Seit selbst europäische Notenbanker öffentlich Zweifel an der Strategie geäußert haben, steht das Konzept intensiv in der Diskussion. Selbst die BHF Bank, die immerhin das Bundesbank-Vorstandsmitglied Hermann Remsperger hervorgebracht hat, schreibt nun: „Es wäre nicht verwunderlich, wenn die monetäre Säule der Zweisäulenstrategie der EZB bald weiter abgestuft würde“. Das ist Anlass für die Bundesbank, ihre Erbe mit einer Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen zu verteidigen.

Die Grundidee, auf die sich die Befürworter der Geldmengenorientierung stützen, ist einfach. Güter kauft man mit Geld. Wenn die Menge des verfügbaren Geldes im Vergleich zur produzierten Gütermenge steigt, dann steigen die Preise. Um die Inflation abschätzen zu können, braucht man nur drei Dinge zu kennen: erstens wie viele Güter angeboten werden, also das Bruttoinlandsprodukt, zweitens wie viel Geld in der Wirtschaft vorhanden ist, also die Geldmenge und drittens, wie oft jede Geldeinheit in einem Jahr den Besitzer wechselt, also die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes.

Wenn nun diese Umlaufgeschwindigkeit konstant ist oder sich auf berechenbare Weise nur allmählich ändert, dann funktioniert die monetaristische Grundidee. Eine steigende Geldmenge lässt dann auf künftig höhere Inflation schließen. In der Realität aber gibt es ein Problem, auf das Lucrezia Reichlin, die Forschungsdirektorin der EZB, und Christian Noyer, der Präsident der Bank von Frankreich, im November 2006 hinwiesen. Beide zeigten in Studien: Die Geldnachfrage – also die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes – ist im Euro-Raum nicht mehr stabil. In diesem Fall ist der Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum und Inflation gekappt.

Tatsächlich ist die Geldmenge in der von der EZB gewählten Abgrenzung M3 in den letzten fünf Jahren etwa doppelt so stark gewachsen wie die Rate, die die EZB als gerade noch mit Preisstabilität vereinbar betrachtet. Würden die alten Beziehungen, die der monetären Säule zugrunde liegen, noch gelten, müsste dies im Euro-Raum eine galoppierende Inflation gegeben haben. Tatsächlich aber lag die Geldentwertung nur leicht oberhalb des Zielwerts der EZB.

Die Bundesbank ist dennoch weiter von der Relevanz der Geldmenge für die Inflation überzeugt. Um die Kritiker zu überzeugen verfolgt sie wissenschaftlich zwei Argumentationslinien. Die eine läuft darauf hinaus, die Beziehung von Geldmenge, Gütermenge und Preisen mit aufwendigerem Formelwerk so neu zu fassen, dass sie wieder stabil und vorhersehbar erscheint – wenigsten im Nachhinein. Die zweite zielt auf den Nachweis ab, dass man auch ohne die Stabilität der Umlaufgeschwindigkeit Geldmengendaten für Inflationsprognosen einsetzen kann.

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