Elektronische Wettbörsen
Das Orakel aus dem Internet

Ökonomen lieben elektronische Wettbörsen im Internet. Die "Betting Markets" verraten einiges über die Chancen der Bewerber im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf - und über die Wahrscheinlichkeit einer Rezession.
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Hat der Bericht der „New York Times“ über eine angebliche frühere Liebesaffäre John McCains dem republikanischen Präsidentschaftsbewerber erheblich geschadet? Wer das wissen will, muss nicht auf die nächste Wahlumfrage warten – er kann auch den Kurs McCains auf elektronischen Wettbörsen im Internet verfolgen.

Eine solche Börse ist Intrade, in Irland beheimatet und Marktführer in dem Segment. In den USA haben es solche Marktplätze, auf denen Informationen gehandelt werden, schwer, seit die Regierung dem Glücksspiel den Kampf angesagt hat. Zwar hat sie eher Webseiten im Auge, auf denen Poker und Ähnliches gespielt wird, aber die neuen Gesetze machen auch Wettbörsenbetreibern das Leben schwer.

Aus Sicht von Ökonomen ist das ein Jammer – sie halten solche Wettmärkte für ein exzellentes Instrument der Informationsgewinnung. Und das nicht nur, wenn es um rein ökonomische Fragen geht, wie zum Beispiel die nach der Wahrscheinlichkeit einer Rezession, die laut der Intrade-Händler bei knapp zwei Dritteln liegt.

McCain scheint die Enthüllung wenig geschadet zu haben. Ende vergangener Woche stand seine Chance auf das Präsidentenamt kaum verändert bei rund 34 Prozent.

Die Demokraten Barack Obama und Hillary Clinton bringen es zusammen fast auf das Doppelte. Mit etwas über 50 Prozent ist Obama inzwischen klar der Favorit. Seine Chancen, die Vorwahlen der Demokraten zu gewinnen und offizieller Kandidat zu werden, liegen laut Wettbörsen bei 81 Prozent. Ein Kontrakt auf Obama kostet derzeit 81 Cent – bei Obamas Nominierung bekommen Käufer pro Kontrakt einen Dollar ausgezahlt, machen also 23 Prozent Gewinn.

Doch dabei bleiben die Wettbörsen nicht stehen. Was bedeutet ein demokratischer Präsident für die Zinsen und für den Ölpreis? Wie schnell werden unter einem demokratischen oder republikanischen Präsidenten die Truppen im Irak reduziert? Auch solche Fragen beantworten Intrade-Kontrakte, die der amerikanische Ökonom Robin Hanson sponsort. Er ist Professor an der George Mason University in Fairfax, Virginia.

Hanson will dazu beitragen, dass Wählern und Politikern die wahrscheinlichen Konsequenzen verschiedener politischer Alternativen klar vor Augen geführt werden, und so die Macht der Bürger gegenüber den Regierungen stärken. Sein Beitrag besteht darin, dass er Geld bereitstellt, mit dem ein „ Market Maker“ finanziert wird, der dafür sorgt, dass Interessenten auch einen Gegenpart für ihre Kaufgebote oder Verkaufsgebote finden. Noch ist die Liquidität auf diesen erst wenige Wochen alten Spezialmärkten sehr gering.

Im Prinzip könnte ein Konzern wie Haliburton, der an seinem Irak-Engagement blendend verdient, sich über solche Kontrakte dagegen absichern, dass der nächste Präsident die goldenen Zeiten beendet. Aber dafür müsste das Handelsvolumen noch viel größer werden.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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