Entwicklungsökonomen
Mutige Experimente gegen die Armut

Was muss man tun, damit Kinder in armen Ländern regelmäßig zur Schule gehen? Amerikanische Ökonomen haben eine überraschende Antwort gefunden. Mit einer gezielten Behandlung von Wurmkrankheiten wollen sie sensationelle Erfolge im Kampf gegen das Elend in der Dritten Welt feiern.
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NEW YORK. Was muss man tun, damit Kinder in armen Ländern regelmäßig zur Schule gehen? Die Antwort war eine Überraschung: Wurmkuren! Weder kostenlose Schulbücher noch spezielle Trainings für Lehrer sind entscheidend - häufig sind es Wurmkrankheiten, die Klassenzimmer leeren. Die Parasiten befallen weltweit 400 Millionen Schulkinder. Bekämpft man die Krankheit, nimmt der Unterrichtsbesuch schlagartig um 20 bis 25 Prozent zu. Kosten pro Kind: lächerliche 50 Cent im Jahr.

Dieses Ergebnis gehört zu den größten Erfolgen des Poverty Action Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Die Denkfabrik, gegründet von den MIT-Ökonomen Abhijit Banerjee und Esther Duflo, bekämpft die Armut in der Welt mit einer für Entwicklungshelfer neuen Methode: Sie testen die Wirkungen von Hilfsprogrammen durch zufällig ausgewählte Kontrollgruppen.

Die Armutsforscher arbeiten ähnlich wie Pharmakologen, die neue Medikamente testen: Unter sonst gleichen Bedingungen beziehen sie zufällig ausgewählte Probanden in ein Projekt ein, andere nicht; bei wieder anderen wird das Programm variiert. Zur Frage, wie sich am besten der Schulbesuch steigern lässt, testeten die Ökonomen in den Slums von Delhi und in Busia (Kenia) das Verhalten Tausender Kinder.

Die Entwicklungsökonomen mit Kontrollgruppen - wie Mediziner

Ein wichtiges Forschungsfeld sind Kleinkredite für arme Familien und Unternehmer. Bei einem Projekt für den indischen Mikrofinanzierer Bandhan statten die Wissenschaftler vollkommen Mittellose mit einem bescheidenen Startkapital auf Sachbasis aus - etwa einer Nähmaschine oder einer Kuh. Bewährt sich das besser als ein Geldkredit?

Ein Experiment in Ghana soll Aufschluss darüber geben, weshalb Bauern zu wenig in ihre Farmen investieren. Scheuen die Farmer das Risiko, oder bekommen sie keinen Kredit? Je nach Ergebnis kann der Auftraggeber, das Landwirtschaftsministerium, künftig eine Versicherung gegen Ernteausfall anbieten oder den Kapitaltransfer erleichtern.

Mit ihren Experimenten betraten die MIT-Ökonomen in der Entwicklungshilfe-Forschung methodisches Neuland. Lange folgte die Hilfe für die Dritte Welt dem Prinzip: Je mehr Geld eingesetzt wird, desto besser. Später setzten Entwicklungsökonomen zur Qualitätsprüfung auf Interviews und Befragungen - die aber waren oft weder repräsentativ noch verlässlich.

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