Essay
Märkte und Monster

Die Finanzkrise ist aus dem Rückenmark des Kapitalismus entstanden und frisst sich wie ein Krebsgeschwür durch alle Bereiche der Weltwirtschaft. Was die Krise über den Kapitalismus und den Staat lehrt und wie die Irrtümer der Linken und der Neoliberalen sich ähneln.

Mitte Oktober standen wir kurz vor dem Absturz des weltweiten Finanzsystems. Selbst die abgebrühtesten Banker konnten nur noch hoffen und bangen, dass die Politiker ihnen zur Hilfe eilen und die Finanzmärkte wenigstens halbwegs beruhigen. Auch heute ist die Krise noch längst nicht vorbei. Während es mitten im 30-jährigen Krieg, zwischen Seuchen, Totschlag und Anarchie, möglich war, Geld per Wechsel quer durch Europa zu transferieren, weil die Bankiers sich gegenseitig vertrauten, stehen in der modernen Wohlstandsgesellschaft schon seit über einem Jahr selbst Banken, die Tür an Tür residieren, nicht mehr füreinander ein.

Das ist das Erschreckendste an der Krise: Sie kam nicht von außen, etwa durch politische Spannungen oder die Verknappung von Rohstoffen, in die Märkte hinein. Nein, diese Finanzkrise, die erste wirklich weltweite, ist aus dem Finanzsystem selbst, quasi aus dem Rückenmark des Kapitalismus, entstanden und frisst sich wie ein immer schneller wucherndes Krebsgeschwür durch alle Bereiche der Weltwirtschaft. Kein Wunder, dass die Lobeshymnen auf die freie Marktwirtschaft nur noch krächzend zu hören sind und die Kritiker des Kapitalismus Marschlieder anstimmen.

Hat der Kapitalismus seine Glaubwürdigkeit verloren? Ist die Theorie falsch, dass die Märkte besser als Politiker die Bedürfnisse der Menschen befriedigen können? Müssen wir die Finanzwelt in ein Korsett zwängen, das ihr keine Chance lässt, sich immer wieder zum Monster zu entwickeln?

Wer auf diese und ähnliche Fragen sofort eine Antwort bereit hat, der hat nicht begriffen, welche Herausforderung diese Krise darstellt. Es geht nicht mehr an, die alten Denkmuster hier und da ein bisschen anzupassen. Die überholte Diskussion, ob der Staat oder die Märkte "recht" haben, die immer noch nach dem ideologischen Staub der 70er-Jahre riecht, sollten wir endgültig ad acta legen.

Es gilt jetzt, ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie Märkte und Staat, die eng aufeinander angewiesen sind, als Gesamtsystem zusammenwirken und welche Gefahren in diesem System stecken. Auch die populäre Vorstellung, dass der Staat den "Rahmen" bereitstellt, innerhalb dessen die Märkte dann die Wirtschaftsprozesse steuern, ist zu simpel. Der Staat ist Teil des Systems. Wenn er stärker reguliert, beeinflusst er die Märkte, wenn er Regulierung abbaut, aber ebenso - er ist niemals neutral und darf sich auch gar nicht in dieser Illusion wiegen.

Es gibt hier einen wichtigen Punkt, der zwar nicht neu ist, aber selten in aller Konsequenz durchdacht wird: Die Finanzmärkte funktionieren grundsätzlich anders als "normale" Warenmärkte. Sowohl Verteidiger wie auch Kritiker des Kapitalismus übersehen diesen Unterschied gern und halten entweder den Finanzmärkten die Vorzüge der normalen Märkte zugute oder wittern in allen Märkten die spezifischen Gefahren der Finanzmärkte.

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