Essay von Edmund Phelps
Alles eine Frage der Kultur

Edmund Phelps, Ökonomie-Nobelpreisträger des Jahres 2006, macht in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt die kulturellen Werte der Europäer für ihre schlechte wirtschaftliche Performance mitverantwortlich.

Die Kultur einer Gesellschaft spielt für ihre wirtschaftliche Entwicklung eine große Rolle – für die großen Denker der Aufklärung war diese Erkenntnis selbstverständlich. Ob Adam Smith und David Hume oder Immanuel Kant und Alexis de Tocqueville – für sie alle war klar: Die Moralvorstellungen der Menschen, ihre Werte und Glaubenssätze haben eine ökonomische Dimension; sie beeinflussen das Geschäftsleben und sind mitverantwortlich dafür, ob eine Wirtschaft ihr Potenzial ausschöpfen kann. Diese Sicht der Aufklärer wirkte lange Zeit nach – sie spiegelt sich in Max Webers Gedanken zur „protestantischen Ethik“ (1905) und Joseph Schumpeters Überlegungen zum „Unternehmensgeist“ (1911).

Mitte des 20. Jahrhunderts aber gewann in der Wissenschaft mehr und mehr ein moralischer Relativismus die Überhand. Die meisten Sozialwissenschaftler schreckten plötzlich davor zurück, Kulturunterschiede zwischen Ländern zu analysieren. Unter Ökonomen war die Ansicht verbreitet, jede Gesellschaft entscheide sich für die Kultur, die für sie die beste ist. Falls der gewählte kulturelle Rahmen mit ökonomischen Nachteilen verbunden sein sollte, würden diese durch Vorteile auf anderen Gebieten ausgeglichen – sonst, so wurde argumentiert, hätte eine Gesellschaft sich nicht für diese Kultur entschieden.

Allerdings setzte relativ bald eine Gegenbewegung zu diesem moralischen Relativismus ein – seit den späten fünfziger Jahren haben viele wissenschaftliche Arbeiten deutlich gemacht: Kultur ist ein Faktor, der dazu führen kann, dass Märkte unterschiedlich gut funktionieren. Die Debatte über die wirtschaftliche Performance Europas ist ein guter Prüfstein für diese These. Im Vergleich zu den USA hinkt Kontinentaleuropa in vielerlei Hinsicht wirtschaftlich hinterher – vor allem bei der Entwicklung der Arbeitsproduktivität und der Arbeitslosigkeit.

Aus neoklassischer Sicht mag der Versuch, ökonomische Unterschiede mit kulturellen Faktoren zu erklären, unverständlich erscheinen. Im allgemeinenen Gleichgewichtsmodell der Ökonomen Ken Arrow und Gerard Debreu, das für die neoklassische Analyse der Standard ist, gibt es keine kulturelle Dimension – vom Privateigentum abgesehen existieren darin überhaupt keine ökonomischen Institutionen. Um Dinge wie Unternehmergeist, Engagement, Teamarbeit und Lernen ökonomisch analysieren zu können, muss man das neoklassische Paradigma verlassen – und eine Welt voller Unsicherheit, Kreativität und unvollständigen Informationen betreten.

Ich habe den kausalen Zusammenhang zwischen ökonomischer Performance und kulturellen Rahmenbedingungen empirisch untersucht – anhand von 19 OECD-Ländern und für die Jahre 1990 bis 1993. Grundlage der Studie sind Daten zur Entwicklung der Arbeitsproduktivität, der Erwerbsbeteiligung der männlichen Bevölkerung und der Arbeitslosigkeit. Die Analyse der kulturellen Unterschiede stützt sich auf die Ergebnisse der „World Values Survey“ (WVS), eine weltweite regelmäßige Umfrage zu politischen und sozio-kulturellen Fragen.

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