Europäer wollen Vorrecht
IWF sucht Nachfolger für Rato

Wenige Tage nach dem überraschenden Rücktritt des Chefs des Internationalen Währungsfonds (IWF), Rodrigo de Rato, werden bereits die Namen zahlreicher Nachfolgekandidaten gehandelt. Die Europäer beharren auf der Besetzung des Spitzenjobs – und müssen dafür Kritik aus den Schwellenländern hinnehmen.
  • 0

WASHINGTON / BERLIN. Als Favoriten für den Chefsessel gelten Jean Lemierre, Chef der Osteuropabank (EBRD), sowie Mario Draghi, der Gouverneur der italienischen Zentralbank. Gleichzeitig wird die Frage diskutiert, ob das ungeschriebene Gesetz, dass Europa den IWF-Chef stellt und ein Amerikaner die Weltbank führt, auch dieses Mal umgesetzt werden soll. Europa und die USA sind die größten Geldgeber der beiden Finanzinstitutionen.

„Ich sehe nicht wirklich, welche anderen Kontinente Europa herausfordern könnten“, sagte Ted Truman vom Washingtoner Peterson Institut für internationale Ökonomie dem Handelsblatt. Die USA hätten mit Robert Zoellick gerade erst wieder die Weltbank-Chefposition besetzt und Asien stelle mit dem Koreaner Ban Ki Moon den Uno-Generalsekretär. Truman sieht es zudem als unwahrscheinlich an, dass ein Kandidat aus dem Kreis von Empfängerländern von IWF-Krediten an die Spitze der Institution rücken könnte.

Aus den Schwellenländern waren immer wieder die Namen des mexikanischen Finanzministers Augustin Carstens und des früheren, langjährigen brasilianischen Finanzministers Pedro Malan genannt worden. In Berliner Regierungs- und Finanzkreisen hält man es aber für unwahrscheinlich, dass die Europäer einen Finanzminister oder Notenbankgouverneur eines großen Schwellenlandes unterstützen würden. Dies gelte umso mehr, als sich für den Vorsitz im IWF-Lenkungsausschuss nach der Absage von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück nun eine nicht-europäische Lösung abzeichne: Als sehr wahrscheinlich gilt die Berufung des Australiers Peter Costello.

Als weitere Kandidaten für den Posten des IWF-Chefs gelten Andrew Crockett, ehemals Chef der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), und auch Leszek Balcerowicz, bis vor kurzem Chef der polnischen Zentralbank. Es sind aber auch der britische Notenbankchef Mervin King und die Deutschen Axel Weber und Jürgen Stark im Gespräch.

Für Jean Lemierre hingegen spricht, dass er die Rückendeckung der französischen Regierung hätte: „Bevor manche europäische Regierung, auch die Berliner, aufwacht, wird Paris in der Frage eines EU-Kandidaten den Sack schon zugeschnürt haben“, sagte ein ehemaliger hoher IWF-Beamter dem Handelsblatt. In Paris bestehe an diesem Schlüsselposten der internationalen Finanzdiplomatie immer noch ein großes strategisches Interesse, hieß es weiter. Staatspräsident Nicolas Sarkozy werde seinen Mann den Europäern wie den Amerikanern als geeigneten Sanierer für den Internationalen Währungsfonds andienen.

Seite 1:

IWF sucht Nachfolger für Rato

Seite 2:

Kommentare zu " Europäer wollen Vorrecht: IWF sucht Nachfolger für Rato"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%