Experimente und Feldstudien
Die dunkle Seite des menschlichen Handelns

Experimente und Feldstudien liegen voll im Trend. Kein anderer Zweig der Ökonomie boomt so wie die Experimentelle Wirtschaftsforschung. Bei einer Konferenz am vergangenen Wochenende in Innsbruck trafen sich 200 Experten – so viele wie noch nie. Vor allem die dunkle Seite der Seele steht im Fokus der Studien.
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INNSBRUCK. Wer öfter verreist, kennt das Dilemma: Man steht am Ticketschalter und hat zwei Flugverbindungen zur Auswahl – eine schnelle, teure und eine langsame, billige. Die Frage, die sich auf einmal stellt: Wie viel wert ist mir eigentlich eine Stunde Zeitersparnis?

Genau das hat der israelische Ökonom Ofer Azar in einem Experiment untersucht. „Eigentlich müsste eine Stunde sinnloses Warten doch für jeden einen festen Preis haben“, sagte Azer am vergangenen Wochenende beim Europa-Kongress der Economic Science Association (ESA), dem Verband der Experimentalökonomen. Doch seine Experimente zeigen: Bei teuren Tickets muss die billige Variante schon bedeutend billiger sein, damit die Menschen sie wählen. Ist aber bereits das teurere Ticket recht günstig, reicht ein kleiner Preisunterschied, und die meisten präferieren die langsame Verbindung. Relatives Denken nennt Azer dieses paradoxe Phänomen.

Er ist einer von 200 Experimentalökonomen, die nach Innsbruck gekommen waren, um ihre Forschungsergebnisse zu präsentieren – „so viele wie noch nie“, sagt Matthias Sutter, Gastgeber der Konferenz. Die Experimentalökonomie ist ein relativ junger Forschungszweig, doch er boomt wie kaum eine andere Disziplin der Volkswirtschaftslehre (VWL). „Eindeutig, unser Fach wächst“, sagt Sutter, der seit drei Jahren als Professor an der Uni Innsbruck forscht.

Damit an den beiden Konferenztagen jeder Teilnehmer seine Ergebnisse vorstellen konnte, mussten oft zehn Vorträge parallel stattfinden. Im Halbstundentakt präsentierten die Forscher spannende Erkenntnisse über das menschliche Verhalten in wirtschaftlichen Situationen: zum Beispiel, dass glücklichere Menschen geduldiger sind und länger auf ihren Lohn warten können. Dass es uns nicht nur wichtig ist, mehr zu verdienen als der Nachbar, sondern auch mehr Freizeit zu haben als er. Und dass bei drei Geschwisterkindern das mittlere sein Geld später viel risikofreudiger anlegt.

Auch wenn viele Ergebnisse auf den ersten Blick wie niedliche Anekdoten erscheinen, die meisten von ihnen liefern wichtige Implikationen für andere Bereiche: Steuerpolitik, Marketing, Personalmanagement – es gebe eigentlich kein Gebiet, das die Experimentalökonomie nicht voranbringen könne, meint Hans Theo Normann von der Universität Frankfurt. „Unsere Forschung hat eben ein Auge für das, wofür die Theorie bisher blind war.“ Zum Beispiel für soziale Strukturen, Geschlechterverhalten oder Gerechtigkeitsempfinden.

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