Experimentelle Wirtschaftsforschung
Alles etwas unrealistisch?

Wie aussagekräftig sind in der Ökonomie Labor-Experimente? Darüber ist in der Zunft ein heftiger Streit ausgebrochen.

Für ein ökonomisches Experiment war das Ergebnis typisch. Der Chicagoer Ökonomie-Professor John List hatte Händler von Baseball-Sammelbildern in sein Labor geladen und mit ihnen einen Sammelbilder-Basar simuliert. Ihre Kunden behandelten die Händler ausgesprochen fair, Egoismus war ihnen fremd. Bot ein Käufer einen hohen Betrag, verkauften sie ihm meist auch eine Karte von hoher Qualität und hohem Wert. Ein generöser Zug – genauso gut hätten sie eine minderwertige mit Eselsohren herausgeben können.

Ein paar Tage später ließ List die gleichen Händler auf einer echten Sammelbilder-Messe beobachteten. Dort war von der Fairness nicht viel übrig geblieben. Testkäufer, die viel Geld boten, bekamen nur selten Karten von besserer Qualität.

Hatten sich die Händler bei der Simulation im Labor also nur deshalb fair verhalten, weil sie sich beobachtet wussten? Wie aussagefähig ist das Experiment? Über diese Fragen ist unter Wirtschaftswissenschaftlern eine heftige Debatte über die so genannte „externe Validität“ von Experimenten ausgebrochen – unter anderem dank eines provokanten Artikels der beiden Chicagoer Professoren John List und Steven Levitt. Ökonomen müssten vorsichtig sein, bevor sie Erkenntnisse aus dem Labor für allgemeingültig erklären, warnten sie. Die Gefahr, dass störende Einflüsse die Ergebnisse verzerrten, sei groß.

In den vergangenen 20 Jahren hat die experimentelle Wirtschaftsforschung einen Siegeszug erlebt: Ihre Untersuchungen über das wahre wirtschaftliche Verhalten des Menschen haben die Volkswirtschaftslehre auf den Kopf gestellt. Das Menschenbild des „Homo Oeconomicus“, das der traditionellen Lehre zugrunde liegt, geriet ins Wanken. Hunderte Experimente ergaben, dass der Mensch kein rein egoistisches Wesen ist, das ausschließlich nach Gewinn und Eigennutz strebt. Denn Experimental-Ökonomen zeigen regelmäßig: Auch Fairness, Nächstenliebe und eine starke Abneigung gegen Ungleichheit treiben die Menschen – selbst wenn ein solches Verhalten finanzielle Nachteile mit sich bringt.

Labore gehören für führende Ökonomie-Fakultäten heute zur Standardausstattung. Meist sind es große Räume mit abgetrennten Computerarbeitsplätzen, an denen die Testpersonen – in der Regel Studenten – Aufgaben erledigen müssen. Simuliert werden Preisverhandlungen, Auktionen, Wohltätigkeitsveranstaltungen und vieles mehr.

Dieser Erfolg hat Kritiker auf den Plan gerufen. Sie fragen beispielsweise, ob Studenten überhaupt repräsentativ sind für die ganze Menschheit. „Wenn an der realen Situation ganz andere Menschengruppen beteiligt sind als am Experiment, könnte der Versuch scheitern, aus einem Experiment allgemeingültige Erkenntnisse ziehen zu wollen“, schreiben List und Levitt. Sie schlagen vor, auch die tatsächlichen Akteure zu Experimenten einzuladen und ihr Verhalten mit dem der Studenten zu vergleichen.

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