Experte
„Schwarzarbeit wirkt wohlstandsfördernd“

Schwarzarbeit hat in der Rezession wieder Konjunktur. Die Schattenwirtschaft wird nach Berechnungen des renommierten Linzer Experten Friedrich Schneider in diesem Jahr zwischen fünf und sieben Mrd. Euro mehr umsetzen als 2008. Seine These: Das illegal verdiente Geld ist sofort wieder in den Konsum geflossen und hat die Rezession damit abgemildert.
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HB BERLIN. „Während die meisten Branchen unter den Folgen der Finanzkrise leiden, brummt Schwarzarbeit wie lange nicht“, sagte der Wirtschaftsprofessor an der Johannes-Kepler-Universität in Linz in einem am Wochenende veröffentlichten Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Mit geschätzten Einnahmen von mehr als 351 Mrd. Euro setze der illegale Sektor so viel um wie seit 2004 nicht mehr.Das sind fast 15 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Deutschlands. Schneider, der zu den weltweit führenden Experten zum Thema Schwarzarbeit gehört, ermittelte die Summe unter anderem durch Befragungen und Veränderungen der Geldmenge.

Privater Konsum stabilisiert

Der Ökonom macht die Rezession für die blühende Schwarzarbeit verantwortlich. „Wegen steigender Arbeitslosigkeit, zunehmender Kurzarbeit und sinkenden Überstunden müssen viele Deutsche spürbare Verdienstverluste hinnehmen. Das versuchen sie auszugleichen, indem sie schwarz arbeiten.“ Umgekehrt sei in der Krise auch die Nachfrage nach Schwarzarbeit gestiegen, da sie billiger angeboten werde als reguläre Tätigkeiten.

Die Schattenwirtschaft habe dazu beigetragen, den privaten Konsum zu stabilisieren. Drei Viertel des illegal verdienten Geldes würden sofort wieder ausgegeben und damit in den legalen Wirtschaftskreislauf gepumpt. „Wer sein Geld auf diese Weise verdient, der legt es nicht auf das Sparbuch, sondern geht damit Einkaufen“, sagte Schneider. „In diesem Jahr ist die Schwarzarbeit deshalb ein Segen, ja sie wirkt wohlstandsfördernd. Sie hat den Abschwung gedämpft.“ Leidtragende seien Staat und Sozialversicherungen, denen Steuer- und Beitragseinnahmen verloren gingen.

„98 Prozent der Putzfrauen arbeiten schwarz“

Gang und gäbe ist Schwarzarbeit vor allem in Bau und Handwerk. 38 Prozent des illegal erwirtschafteten Umsatzes entfallen Schneider zufolge auf diesen Bereich. An zweiter Stelle folgen mit 17 Prozent die haushaltsnahen Dienstleister, vom Friseur über den Babysitter bis zur Putzfrau. „98 Prozent der Putzfrauen in deutschen Haushalten arbeiten schwarz“, sagte Schneider. „Hier wurde ein kompletter Berufsstand ausgelagert.“ Auf Rang drei folgen mit 16 Prozent der Hotel- und Restaurantbereich.

Schwarzarbeit ist nicht nur in Deutschland auf dem Vormarsch, sondern auch in den Nachbarländern Schweiz und Österreich. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt liege hierzulande mit 14,6 Prozent aber deutlich höher. Im Vergleich zu den 30 Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nehme Deutschland einen Mittelfeldplatz ein.

Die Schattenwirtschaft umfasst die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, die absichtlich vor den staatlichen Behörden verheimlicht werden. Dazu zählen nicht gemeldete Beschäftigungsverhältnisse, aber auch nicht angezeigte selbstständige Tätigkeiten oder die illegale Beschäftigung von Ausländern.

Kommentare zu " Experte: „Schwarzarbeit wirkt wohlstandsfördernd“"

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  • Holla! prüft beim renommierten Handelsblatt niemand die Zahlen des Herrn Schneider? bereits 2004 hat jemand anders diese Arbeit für Sie gemacht und kam zu folgendem Ergebnis:
    http://www.egon-w-kreutzer.de/Meinung/14027OffenerbriefSchwarzarbeit.html
    Cui bono? bleibt zu fragen, sonst nichts
    DaWool

  • @ k.-h.
    ja,es war ja auch ironisch gemeint.
    Doch wo geht denn die Reise hin?
    Zum einen sollen die 400€ Jobs ausgeweitet werden zum anderen bezahlen Millionäre vielerorts kaum noch Steueren, da dementsprechende interene Anweisungen bestehen.
    Das Steuer- und Abgabensystem wird wissentlich gegen di eWand gefahren. Es wird bei den Millionäre auf Einnahmen verzichtet um den Menschen dann zu erklären: Seht her wir haben nichts zu verteilen. Welcher besserverdienende zahlt den heute mehr als 10% Steuern? Wohl kaum einer.
    bei den Rentnern und der Mittelschicht ist man da weniger kleinlich. Die werden abgezogen ohne Ende.
    Dies erreicht man durchj eine komplizierte Steuergesetzgebung und zu geringes Personal in den Steuerbehörden sowie fehlende bestrafung von Steuerverbrechern. Das hat System und wird in der bieneMaja-Koalistion noch ausgeweitet werden. Wer abhängig beschäftigt ist zahlt - Lobbypolitik eben.

  • k.-h.
    Was mir zu denken gibt, ist die Geburtenquote in den nordischen Ländern, also Ländern mit einer sehr hohen Steuer- und Abgabenquote. in Deutschland etwa 1,4, in den nordischen Ländern ab 1,8. Meiner Ansicht nach hat das mit der sozialen Sicherheit zu tun. Hohe Löhne (Löhne im Handwerk in DK etwa doppelt so hoch wie hier) bedeuten hohe binnennachfrage; viele beschäftigte im Staatsdienst bewirken zusammen mit den anderen Faktoren nidrige Arbeitslosenzahlen; hohe Steuern - auch hohe MwSt. - in DK auf Luxusgüter 57% - dazu gehören auch SUV, Kabrios, Sportwagen, Motorräder - ermöglichen eine gute infrastruktur. Hier will man jetzt noch viel weiter in die andere Richtung nämlich in Richtung USA mit Zeltstäden, selbstgezogenen Zähnen ohne Ersatz, 45000 Toten jährlich wegen fehlender Krankenversicherung und lt. Landwirtschafts-ministerium mit 14,6 % Haushalten (ca 50 Millionen Menschen) mit "Lebensmittelunsicherheit" im Jahr 2008.

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