Experteneinschätzung
China zwischen Dominanz und Systemkollaps

China wird Deutschland in diesem Jahr den Titel des Exportweltmeisters abnehmen. Oder doch noch nicht? Die Einschätzungen der Experten gehen in dieser Frage auseinander, wie so oft, wenn es um eine Bewertung des chinesischen Aufstiegs geht. Prognosen über das Riesenreich sind wie Wettervorhersagen.
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DÜSSELDORF. Auf der einen Seite wird das Land als Supermacht des 21. Jahrhunderts präsentiert, auf der anderen vor den zahlreichen ungelösten Problemen und einem jähen Absturz gewarnt. Ohne Superlative und Extrempositionen scheint es nicht zu gehen, wenn man heute über China schreibt. Erfreulich entspannt betrachtet dagegen Eberhard Sandschneider das Phänomen. Auch wenn sich Vereinfachungen besser verkaufen, beteiligt er sich nicht am Wettlauf um die größte Überspitzung.



Damit zeigt sich der Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik als lernfähig. Denn Sandschneider hatte früher einmal geschrieben, China befinde sich „in der Warteschleife zum Systemkollaps“. Selbstkritisch räumt er ein, die Prognosen der Chinaexperten seien ähnlich präzise wie die Wettervorhersagen. In seinem Buch „Globale Rivalen“ warnt Sandschneider nun vor Schwarz-Weiß-Denken und Tunnelblick. Sehr präzise beschreibt er den Wandel von Maos Reich zur „sozialistischen Marktwirtschaft“ und liefert damit einen gut verständlichen Überblick, der nur manchmal zu sehr zu Schlagworten neigt.

Während in den letzten Jahren alle am beispiellosen Wirtschaftswachstum teilhaben wollten, mehrt sich inzwischen die Angst vor dem neuen Wettbewerber. Doch der Autor relativiert Befürchtungen vor einer schnellen Dominanz, beschreibt die verschiedenen Problemfelder, vom maroden Bankensystem bis zur schnellen Alterung. Sandschneider weist auch auf die unsichere Datenlage in nahezu allen Bereichen hin.

Doch trotz oder gerade wegen der strukturellen Instabilität bleibt China eine Herausforderung für den Westen, auf die dieser ungenügend vorbereitet ist. Es fehle an einer klaren Strategie, da man sich noch nicht im Klaren darüber ist, ob China eingebunden oder eingedämmt werden sollte.

Zum richtigen Umgang mit China liefert auch Sandschneider mehr Fragen als Antworten. Das ist manchmal unbefriedigend, doch zumindest werden die Themen herausgearbeitet, deren sich Europa und die USA annehmen sollten. „Die größte Herausforderung im Umgang mit China sind westliche Vorurteile“, schreibt Sandschneider. Er rät, sich intensiver mit den eigenen Schwächen zu befassen, als China zum Sündenbock für wirtschaftliche Schwierigkeiten zu stempeln. Sandschneider warnt vor zu viel Selbstgefälligkeit sowohl in der Wirtschaft als auch in der viel diskutierten Menschenrechtsfrage. Daher sollte auch Chinas neues Selbstbewusstsein und die Attraktivität des chinesischen Modells für Entwicklungsländer mehr beachtet werden. Statt China als Bedrohung zu sehen, sollte der Westen viel mehr sehen, was er von dem Land lernen kann.

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