Feldstudie
Woher kommt das Wirtschaftswachstum?

In einem einzigartigen Forschungsprojekt durchleuchten Wirtschaftshistoriker aus Cambridge zwei Orte in Süddeutschland. Sie wollen wissen, warum die Industrialisierung in Deutschland verhältnismäßig spät eingesetzt hat.
  • 0

KölnNach heutigen Maßstäben hatte sich Alexander Hürrlinger nichts Schlimmes zuschulden kommen lassen. Für das Jahr 1682 aber war es unerhört: Der Barbier von Wildberg trug als Accessoire ein kleines Schnürchen an seinem Kragen - ein eklatanter Verstoß gegen die Kleiderordnung des Ortes. Was folgte, war ein zäher juristischer Kleinkrieg: Neun lange Jahre stritt die Ortschaft über das Bändchen, es kam zu mehreren Gerichtsverhandlungen.

Auf diese Geschichte sind Wirtschaftshistoriker der Universität Cambridge gestoßen, die derzeit in einem beispiellosen Forschungsprojekt die Vergangenheit zweier kleiner schwäbischer Ortschaften durchleuchten: Wildberg im Schwarzwald und Auingen auf der Schwäbischen Alb. Die Forscher erhoffen sich unter anderem Rückschlüsse darüber, warum die Industrialisierung in Deutschland verhältnismäßig spät eingesetzt hat.

Fast jeder Einwohner, der zwischen 1600 bis 1900 in den beiden Orten gelebt hat, wird detailliert in den Datenbanken der Wissenschaftler erfasst. Die Forscher wissen, wer mit wem verwandt war, wer wem Geld schuldete und womit die Einwohner ihr Geld verdienten. Auch die Besitztümer der Menschen und die lokalen Vorschriften analysieren die Forscher: So wollen sie herausfinden, welche Faktoren das Konsumverhalten der Menschen und damit das Wachstum beeinflusst haben - ein Beispiel dafür ist die Kleiderordnung.

Auf dem Prüfstand steht eine Theorie des niederländischen Historikers Jan de Vries. Der argumentiert, dass es schon lange vor der industriellen Revolution einen grundlegenden Wandel des Lebens und des Arbeitens gegeben hat, ohne den die Industrialisierung nicht stattgefunden hätte.

Um mehr Marktgüter kaufen zu können, hätten die Menschen mehr gearbeitet - und statt sich selbst zu versorgen, suchten sie sich immer häufiger bezahlte Jobs. Die wachsende Nachfrage nach Produkten und das größere Arbeitsangebot hätten schließlich den Weg zur Fabrikproduktion geebnet. Wirtschaftshistoriker nennen diese Phase die "industrious revolution", die "Revolution des Fleißes".

Sheilagh Ogilvie, Leiterin des Forschungsprojekts in Süddeutschland, sagt: "Es geht darum, wie selbsterhaltendes Wachstum ursprünglich entstanden ist."
Wenn die These von der "industrious revolution" stimmt, müssten Produktionsgüter wie Spinnräder langsam aus den Haushalten verschwinden; modische Kleider oder Einrichtungsgegenstände dagegen zahlreicher werden.

Süddeutschland eignet sich besonders gut, um diese These zu überprüfen: Vor Hochzeiten und nach Todesfällen wurden dort stets die Besitztümer der Bürger genau dokumentiert - um das Erbe gerecht zu verteilen. Und die Schwaben gingen dabei vermutlich so penibel vor, wie sonst niemand auf der Welt: Auch der letzte Kartoffelsack wurde aufgeschrieben - und das über 300 Jahre hinweg.

"Datenbanken, welche die Inventuren zweier Ortschaften über einen so langen Zeitraum erfassen, gibt es bisher noch nicht", sagt Projektmitarbeiter Markus Küpker. Mittlerweile haben die Forscher 28 000 Dokumente ausgewertet und 460 000 Gegenstände erfasst. Dabei haben sie noch längst nicht alle Listen ausgewertet.

"Wir sind jetzt im Jahr 1730, und erst jetzt können wir langsam das beobachten, was in nordwestlichen europäischen Ländern deutlich früher passiert ist: Konsumgüter werden in den Haushalten zahlreicher", sagt Ogilvie. Die Revolution des Fleißes setzte in Süddeutschland also offenbar später ein - das könnte ein Grund sein, warum Deutschland anfangs auch bei der Industrialisierung zurücklag.

Die Frage, woher das Wirtschaftswachstum eigentlich kommt, ist bis heute von großer Relevanz: Entwicklungshelfer wollen wissen, welche Hindernisse dem Wohlstand im Weg stehen. Ein Grund könnten Vorschriften und Konventionen sein, an denen auch schon der Barbier von Wildberg verzweifelte.

Seite 1:

Woher kommt das Wirtschaftswachstum?

Seite 2:

Fehlende Frauenrechte bremsten den Fortschritt

Kommentare zu " Feldstudie: Woher kommt das Wirtschaftswachstum? "

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%