Finanzexperte Krahnen zur Finanzkrise
„Europas Banken sind die Gewinner“

Die Finanzkrise könnte sich weiter verschärfen. Nach Ansicht von Finanzexperte Jan Pieter Krahnen lauern weitere unkalkulierbare Risiken in den Büchern der Banken. Doch es gibt auch Gewinner. Im Interview mit Handelsblatt.com erklärt Krahnen, wie sich die Welt der Banken verändern wird, warum Europa gestärkt aus der Krise hervorgeht und warum Anleger jetzt stillhalten müssen.

Handelsblatt.com: Viele dachten bereits, das Schlimmste sei überstanden. Doch nun hat die Finanzkrise einen neuen Höhepunkt erreicht. Wie lange geht es noch so weiter?

Krahnen: Es wird so lange weitergehen, bis die Finanzmarktakteure wieder Vertrauen in die Stabilität der Finanzierung von Banken fassen. Und das kann noch eine ganze Weile dauern – je nachdem, wie die Politikreaktionen in den USA aussehen.

Was sagen Sie zu den Plänen der US-Regierung, eine staatliche Auffanggesellschaft zu gründen?

Eine solche Auffanggesellschaft würde viel Unsicherheit aus der Bewertung von Finanzinstitutionen rausnehmen. Es bedeutet aber auch, dass sich der Staat ein weiteres Mal als wichtiger Akteur auf dem Finanzmarkt bestätigt. Das wird seine Spuren hinterlassen.

Inwiefern?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein derart massiver Eingriff in die Bankenszene ohne erhebliche Anpassung der Regulierung, also der gesetzgeberischen Basis für Banken in Amerika, einhergeht.

Befürworten Sie den staatlichen Eingriff?

Die Notenbanken mussten natürlich eingreifen und auch der amerikanische Staat hat sich verantwortungsvoll verhalten. Allerdings: Natürlich sollte immer noch gelten, dass sich der Markt selber eine Lösung sucht. Das heißt, dass die erheblichen Verluste in erster Linie von den Eigentümern und den Mitarbeitern der Banken zu tragen sind.

Haben sich die Banker selbst um den Job gebracht?

Die Führungskräfte sicher. Sie müssen jetzt erhebliche Vermögenseinbußen hinnehmen – zu Recht. Sie sind verantwortlich für vieles, was wir heute sehen. Doch auch der kleine Bankangestellte wird einen großen Teil der Last zu tragen haben.

Kommt es zu einem weiteren Arbeitsplatzabbau bei den Banken auch in Deutschland?

In Deutschland wird es auf jeden Fall auch Arbeitsplatzabbau geben. Allerdings weniger wegen der Kreditkrise oder weil das Investmentbanking reduziert wird, sondern aufgrund von Konsolidierung – Stichwort Europa-Tauglichkeit. Es werden Überkapazitäten abgebaut.

Ist die Pleite einer weiteren deutschen Bank denkbar?

Festzustellen ist: Die Pleiten in den USA betreffen schwerpunktmäßig Immobilienfinanzierer oder Investmentbanking. In beiden Fällen sehe ich dieses Risiko hier in Deutschland nicht. Wir haben zwar Schadensmeldungen sehr früh in der Krise gehabt. Doch diese entstanden durchweg im Zusammenhang mit Vermögensanlagen in den betroffenen Finanzprodukten und eben nicht aufgrund des eigenen Geschäftsmodells.

Was haben die deutschen und europäischen Banken besser gemacht?

Das europäische Bankenmodell geht gestärkt aus der Finanzkrise hervor. Man kann sogar sagen, es ist ein ideologischer Gewinner der Krise. In Europa haben wir salopp gesagt ein Universalbankenmodell, das zwar Investmentbanking beinhaltet, allerdings immer als Teil einer großen Geschäftsbank mit Kundenbeziehungen. In Amerika existiert dagegen seit der Weltwirtschaftkrise ein Trennbankensystem mit Investmentbanken und Geschäftsbanken.

Und was ist das Problem?

Nur die Geschäftsbanken wurden in den USA tatsächlich überwacht. Die Investmentbanken hatten praktisch einen Freifahrtsschein auf den Finanzmärkten.

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