Finanzkrisen
Warum Großbanken ein Sicherheitsrisiko sind

Riesige Finanzkonzerne sind für Volkswirtschaften eine Gefahr, zeigen britische Wirtschaftsforscher in einer neuen Studie. Je größer eine Bank ist, desto riskantere Geschäfte geht sie ein - weil ihre Manager wissen, dass der Staat sie im Zweifel auffangen muss.
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London Je größer, desto besser - jahrzehntelang waren sich nahezu alle Experten einig, dass dieser simple Grundsatz für Banken gilt.  Starke, wettbewerbsfähige Geldhäuser galten als krisenfest - und als Quelle für gute und günstige Kredite. Wirtschaftspolitiker förderten daher Großfusionen von Geldinstituten, Finanzjournalisten bejubelten sie, Aufseher segneten sie ab. 

Die Finanzkrise jedoch hat gezeigt: Von Großbanken gehen immense Risiken aus.  Sie sind für die Gesamtwirtschaft so wichtig, dass die Politik die Pleite dieser Institute nicht zulassen darf. Volkswirte nennen dieses Phänomen "too big to fail" (TBTF). 

Dieser unausgesprochene Rettungsschirm ist Milliarden wert. Die US-Regierung subventioniert jede Großbank im Jahr im Schnitt mit 4,7 Milliarden Dollar, zeigt eine US-Studie mit dem Titel  „Size Anomalies in U.S. Bank Stock Returns“ . Eine andere Arbeit mit dem Titel  „How Much Did Banks Pay to Become Too Big to Fail?“ belegt: Der staatliche Schutz ist so attraktiv, dass er eine zentrale Triebfeder für die vielen Fusionen und Übernahmen in der Branche war. (siehe dazu auch: "Wie der Staat die Großbanken subventioniert", Handelsblatt.com vom 7.2.2011)

Die versteckten Staatshilfen für große Geldinstitute haben zudem eine perverse Konsequenz: Sie sorgen dafür, dass Banken waghalsigere Geschäfte machen.  Dadurch steigt das Risiko von Finanzkrisen, zeigt eine Studie der Londoner Ökonomie-Denkfabrik NIESR mit dem Titel "Is There a Link From Bank Size to Risk Taking?".

Die Manager der Geldinstitute agieren wie Mietwagenfahrer, die eine Vollkaskoversicherung völlig ohne Selbstbeteiligung haben - sie drücken ohne Rücksicht auf Verluste aufs Gaspedal. 

Die Wissenschaftler um den obersten NIESR-Makroökonomen Ray Barrell haben für die Jahre 1996 bis 2007 die Performance von 713 Banken in 14 Industriestaaten analysiert. Dabei haben sie ein frappierendes Muster offengelegt: Größere Geldinstitute haben überproportional viele faule Kredite angehäuft und mussten deutlich mehr Zahlungsausfälle verkraften als kleinere Banken.

Das Gleiche gilt für Geldhäuser, die besonders schnell gewachsen sind und viele neue Kredite vergeben haben - auch in diesen Fällen sind später die Abschreibungen überdurchschnittlich hoch. Dies werten die Forscher als klares Indiz dafür, dass größere Banken riskantere Geschäfte eingehen und bei der Vergabe neuer Kredite nicht so genau hinschauen.

"Der Zusammenhang zwischen der Größe einer Bank und den Risiken, die sie eingeht, ist stark ausgeprägt", heißt es in der Studie. Das Ergebnis hat auch dann Bestand, wenn man die Konjunkturlage, die Entwicklung der Immobilienmärkte und andere Faktoren berücksichtigt, die die Geschäftsentwicklung von Banken beeinflussen. 

Dieser klare Befund ist bemerkenswert - unter anderem, weil gute theoretische Argumente eigentlich eher das gegenteilige Ergebnis erwarten ließen. Denn je mehr Kredite eine Bank vergibt, desto besser kann sie die einzelnen Auswahlrisiken mischen und streuen. Doch dieser Effekt wird offenbar durch die Fehlanreize der TBTF-Garantien zunichtegemacht. 

Die Forscher stellen zudem fest, dass höhere Eigenkapitalpuffer ein gutes Instrument sind, um Banken zu zügeln. Je mehr Eigenkapital ein Institut besitzt, desto geringer sind seine Abschreibungen. Das Gegenteil gilt für weicheres Ergänzungskapital wie nachrangige Anleihen: Je mehr sogenanntes "Tier 2"-Kapital ein Geldhaus hat, desto riskantere Geschäfte geht es ein. Die Studie liefert neue Argumente dafür, den Großbanken strengere Eigenkapital-Vorschriften aufzuerlegen oder sie womöglich gar zu zerschlagen. 

Ray Barrell zieht noch einen weiteren Schluss: "Wenn Großbanken drohen, wegen strengerer Regeln ins Ausland abzuwandern, ist das vielleicht nicht nur etwas ausschließlich Schlechtes." 



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  • Oder man gründet "Tochtergesellschaften" im Ausland, die ohne jegliches Eigenkapital unterlegt sind, denn die Muttergesellschaft vergibt großzügig eine Bürgschaft, die allerdings wertlos ist, weil Insolvenz oder Kreditausfälle dieser Töchter bei der Muttergesellschaft nicht einklagbar sind, dank staatlicher "Fürsorge" für die Mütter im eigenen Markt.

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