Forensische Ökonomie
Wenn Ökonomen Verbrecher jagen

Ein neuer Forschungszweig erobert die Wirtschaftswissenschaft: die forensische Ökonomie. Ihre Ergebnisse sind spektakulär. Gerade in der Finanzbranche, so zeigen viele Studien, sind halbseidene Methoden an der Tagesordnung. Lesen Sie, wie Forscher kriminellen Machenschaften von Banken auf die Schliche kommen.
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FRANKFURT. Es ist kein Geheimnis, dass die United Fruit Company (UFC) zu den größten wirtschaftlichen Profiteuren gehörte, als der CIA 1954 in Guatemala einen Staatsstreich inszenierte. Neu ist, dass offenbar hochrangige Mitglieder von US-Regierung und Geheimdienst aus ihrem Wissen um den von Ihnen ausgeheckten Putsch Kapital schlugen oder dafür sorgten, dass andere damit Geld verdienten.

Eine Studie der Ökonomen Arindrajit Dube, Ethan Kaplan und Sursh Naidu liefert dafür starke Indizien. Die Forscher analysierten anhand der inzwischen zugänglichen Informationen über eine Vielzahl von CIA-geführten Staatsstreichen, wie sich der Aktienkurs der potenziell begünstigten Unternehmen direkt nach Genehmigung einer verdeckten Aktion durch den CIA-Chef oder den Präsidenten entwickelte.

Die Vorbereitung der Aktionen war streng geheim, nur ein enger Kreis Eingeweihter konnte im Vorfeld davon wissen. Doch die UFC-Aktie schoss schon vor dem Staatsstreich nach oben. Ähnliche Muster beobachteten die Forscher auch in anderen Fällen. Bevor der CIA 1953 in Iran den Premierminister Mohammad Mossadegh stürzte, kletterten die Aktien des Ölgiganten Anglo-American - genauso wie die Aktien der Bergwerksgesellschaft Anaconda vor dem von den USA initiierten Staatsstreich gegen Chiles Regierungschef Salvador Allende im Jahr 1973.

Die Studie von Dube, Kaplan und Naidu ist ein Musterbeispiel für eine neue ökonomische Forschungsrichtung, die derzeit einen starken Aufschwung erlebt: Immer häufiger versuchen Ökonomen, mit ihren Methoden kriminellen Handlungen auf die Spur zu kommen. Weil die Forscher im Grunde vorgehen wie Gerichtsmediziner, heißt dieser Zweig auch "forensische Ökonomie". Oder auch, weil es sich meistens um Daten aus der Finanzwelt handelt, "Forensic Finance". Das Ausnutzen von Insiderinformationen und das damit verwandte Frontrunning, wie in der CIA-Studie, sind sehr beliebte Untersuchungsgegenstände der Ökonomie-Forensiker.

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