Frauendiskriminierung
Die fehlenden Mädchen Asiens

In Asien wurden Jahr für Jahr Millionen weibliche Föten abgetrieben, da Jungen eine bessere Alterssicherung versprechen. Auch die Benachteiligung von Frauen im Beruf kann dramatische Auswirkungen haben.

FrankfurtFrauen haben weit schlechtere Karriere- und Verdienstchancen als Männer. Gleichzeitig fühlen sich Frauen chronisch respektlos behandelt, wie die intensive Debatte zeigt, die vergleichsweise harmlose Bemerkungen des FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle gegenüber einer Journalistin hervorgerufen haben.

Dass man, um zu einer respektvolleren Haltung gegenüber Frauen zu gelangen, nicht nur bei den Manieren der Männer ansetzen darf, sondern ihren schwachen Status im Beruf angehen muss, hat Julia Voss im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" am treffendsten auf den Punkt gebracht. Es sei kaum zu erwarten, dass Frauen als eine Art Kompensation für ihre fortgesetzte schlechte Stellung im Beruf besonders respektvoll behandelt werden, schreibt sie: "Wahrscheinlich ist dagegen, dass Frauen schlechter bezahlt werden, schlechtere Aufstiegschancen haben und schlechter behandelt werden."

Der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler sieht aus dem gleichen Grund die Sexismus-Debatte und die Diskussion um die Frauenquote in Führungspositionen als eng verbunden an.

Wie schwacher ökonomischer Status und schlechte Behandlung von Frauen in der Gesellschaft eng zusammenhängen können, haben Wirtschaftsforscher in einer aktuellen Studie an einem extremen Beispiel eindrucksvoll demonstriert. Es geht um die Millionen fehlender Mädchen in Asien, die abgetrieben oder getötet wurden, weil ihre Eltern männlichen Nachwuchs vorzogen. Der resultierende hohe Jungenüberschuss tritt in weiten Teilen Asiens auf. In christlich-muslimisch geprägten Weltregionen hat die Ächtung des Kindsmords solche Auswüchse der Diskriminierung verhindert, obwohl Bevorzugung männlichen Nachwuchses hier ebenfalls Tradition hat.

Lena Edlund von der Columbia University in New York und Chulhee Lee von der Universität Seoul zeigen, dass die vermeintlich kulturell bedingte, mädchendiskriminierende Geschlechterselektion den schwachen ökonomischen Status der Frauen widerspiegelt und sich mit sich ändernden wirtschaftlichen Gegebenheiten wandelt.

Edlund und Lee nehmen sich das Beispiel Südkoreas vor, das noch 1960 ein sehr armes Entwicklungsland war. Dort war die Geschlechterselektion zugunsten der Jungen schon lange verbreitet und nahm mit Aufkommen von Ultraschallgeräten große Ausmaße an.

Man könnte denken, das Problem löse sich von selbst. Frauen werden knapper und mächtiger und werden deshalb auch besser behandelt. Berichte über Frauenraub in China und die von der Weltbank befürchtete massive Zunahme von Prostitution, Geschlechtskrankheiten und Kriminalität in China deuten allerdings an, dass es auch andere Anpassungsreaktionen gibt. In Korea trat etwas Überraschendes ein: Die Jungenquote normalisierte sich zwar einigermaßen. Doch das bedeutete nicht das Ende der Geschlechterselektion. Stattdessen hat sich nur der Zusammenhang von sozialem Status und Geschlechterselektion gedreht.

Vor Aufkommen der Ultraschallanalyse waren es die Armen, die Töchter töteten. Sie hatten Schwierigkeiten, viele Kinder zu ernähren. Da Jungen bessere Verdienstchancen hatten und so eine bessere Alterssicherung boten, wurden sie bevorzugt. Besser gestellte Eltern hatten allerdings nicht den materiellen Druck, zu solch grausamen Mitteln zu greifen.

In den letzten Jahren kehrte sich das um. Die am besten ausgebildeten Frauen haben bei Geburten eine Geschlechterrelation von 112 zu 100 zugunsten der Jungen, bei den am wenigsten gebildeten ist sie eher unterdurchschnittlich.

Die Erklärungshypothese von Edlund und Lee, die sie mit zusätzlichen Indizien stützen, lautet: Das Aufkommen des Ultraschalls machte zusammen mit der Möglichkeit der Abtreibung die Geschlechterselektion leichter, so dass Eltern auch ohne materielle Not eher darauf zurückgriffen. Mit der Zeit wurde der Männerüberschuss so groß, dass Eltern von Söhnen damit rechnen mussten, dass die Gefahr recht hoch wurde, dass ihr Nachwuchs keine Partnerin finden würde. Eine Tochter würde dagegen so gut wie sicher heiraten mit zunehmender Chance, sich einen gut verdienenden Partner aussuchen zu können.

Arrivierte Eltern müssen sich von solchen Überlegungen nicht sehr beeindrucken lassen, weil ihre voraussichtlich gut ausgebildeten Söhne auf dem Heiratsmarkt die besten Karten haben - arme Eltern dafür umso mehr. Im neuen Gleichgewicht leisten sich die Reichen als Gruppe viele Söhne und töten viele Mädchen vor der Geburt. Die Armen liefern die fehlenden weiblichen Heiratspartner.

Ein erstrebenswerter Zustand ist das nicht, auch wenn die extremste, existenzielle Form der Diskriminierung dadurch zahlenmäßig abnimmt. Die sozial schwache Stellung der Frau wird sogar verstärkt statt abgebaut, Das zeigt: Auf die Selbstregulierung des Marktes sollte man sich in Sachen Diskriminierung nicht blind verlassen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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