Gastbeitrag von Christoph M. Schmidt und Jochen Kluve
Mindestlöhne ohne Reue – eine aussichtsreiche Option für Deutschland?

Der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, Christoph M. Schmidt, und der Leiter des Berliner RWI-Büros, Jochen Kluve, üben in einem Gastbeitrag für Handelsblatt.com heftige methodische Kritik an der Studie "Mindestlohneffekte des Entsendegesetzes" von Joachim Möller und Marion König. Lesen Sie hier die gesamte Kritik.
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Die Debatte um eine Einführung von Mindestlöhnen wird zunehmend vehement geführt. Und obwohl die Auseinandersetzung inzwischen als Prüfstein für die Stabilität der Großen Koalition und als Vorbote des anstehenden Wahlkampfes interpretiert wird, so ist doch andererseits die inhaltliche Diskussion keineswegs zum Erliegen kommen.

Dies mag auch daran liegen, dass stichhaltige wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen eines Mindestlohns in Deutschland bislang nicht existierten. So konnten Befürworter einer gesetzlichen Lohnuntergrenze bisher lediglich darauf verweisen, dass Mindestlöhne in anderen Volkswirtschaften keinen nachweislichen Schaden angerichtet haben. Gegner des Mindestlohns hatten mit diesem Argument aber leichtes Spiel, weil die untersuchten ausländischen Arbeitsmärkte gleichzeitig eine geringere Regulierungsdichte und weniger Dauerarbeitslosigkeit als der deutsche Arbeitsmarkt aufweisen. Die Übertragbarkeit dieser Ergebnisse steht daher auf tönernen Füßen. Eine ernsthafte ökonomische Rechtfertigung für die Einführung von Mindestlöhnen ließ sich aus den bisher veröffentlichen Studien nicht ableiten.

Jetzt scheint sich das Blatt zu wenden: Marion König und Joachim Möller haben die erste empirische Studie für Deutschland vorgelegt, die ein modernes ökonometrisches Instrumentarium für die Analyse von Individualdaten einsetzt und damit das seit zehn Jahren bestehende Entsendegesetz in der Bauwirtschaft auf seine Beschäftigungswirkungen überprüft. Im Osten der Republik, wo der Mindestlohn erheblich in die Lohnstruktur eingegriffen hat, finden die Autoren zwar erhebliche Beschäftigungsverluste. Für Westdeutschland ermitteln die Autoren hingegen “einen positiven Effekt auf die Weiterbeschäftigungswahrscheinlichkeit der vom Mindestlohn direkt oder indirekt betroffenen Arbeitergruppe".

Sollte dieses Ergebnis sachverständige Ökonomen dazu bewegen, ihren Widerstand gegen die Einführung weiterer Mindestlöhne aufzugeben? Die Antwort lautet eindeutig „Nein“. Denn den Autoren ist bei der Anwendung des modernen methodischen Instrumentariums ein gewaltiger Denkfehler unterlaufen.

Grundsätzlich sinnvoll ist die Wahl des von König und Möller verwendeten Differenz-in-Differenzen-Ansatzes zur Schätzung des Mindestlohneffektes durchaus: Hierbei vergleicht man die Beschäftigungssituation der von der Regelung betroffenen Arbeitergruppe mit einer nicht betroffenen Vergleichsgruppe (Erste Differenz), und zwar sowohl vor als auch nach der Einführung der Regelung (Zweite Differenz). Diese Vorgehensweise beruht auf der Annahme, dass sich die Beschäftigungssituation der betroffenen Arbeitergruppe ohne Einführung der Regelung wie jene der Vergleichsgruppe entwickelt hätte. Potenzielle Konjunktureinflüsse können auf diese Weise herausgerechnet werden. Wichtig ist aber, dass die gewählte Vergleichsgruppe tatsächlich nicht von der Regelung betroffen ist. Diese Bedingung wäre beispielsweise gegeben, würde – hypothetisch gesprochen – ein Mindestlohn in einem Bundesland eingeführt, in einem anderen aber nicht.

In ihrer bahnbrechenden Arbeit von 1994 haben David Card und Alan B. Krueger den Umstand ausgenutzt, dass Mindestlohnregelungen in den USA sehr stark zwischen den Bundesstaaten variieren. Innerhalb einer klar abgegrenzten Branche (Fast Food-„Restaurants“) ziehen sie für zwei benachbarte Bundesstaaten (New Jersey und Pennsylvania) und zwei Zeitpunkte (vor und nach der Erhöhung des Mindestlohns in New Jersey) einen Vergleich des durchschnittlichen Beschäftigungswachstums auf einzelbetrieblicher Ebene. Der Umstand, dass in Pennsylvania die Mindestlohnregelung unverändert geblieben ist, liefert somit eine „natürliche“ Vergleichsgruppe als nicht-experimentelles Gegenstück zu einer experimentellen „Kontrollgruppe“ (jene Gruppe, deren Angehörige in der Pharmaforschung nur ein Placebo erhalten).

Die Strategie, einen Vergleich der Ergebnisgröße „Beschäftigung“ vor und nach der wirtschaftspolitischen Änderung zwischen betroffenen (in New Jersey) und nicht-betroffenenen Unternehmen (in Pennsylvania) durchzuführen, bildet formal einen Ansatz der Differenz-von-Differenzen. Dieser Ansatz wirkt zwei großen Problemen der nicht-experimentellen Analyse von wirtschaftlichen Zusammenhängen entgegen. Einerseits berücksichtigt er konjunkturelle Schwankungen der Ergebnisvariablen: ein reiner Vorher-Nachher-Vergleich in der Gruppe der betroffenen Unternehmen würde höchstwahrscheinlich von konjunkturellen Schwankungen dominiert, die man nicht als Wirkung der veränderten Rahmensetzung durch die Wirtschaftspolitik fehl interpretieren wollte. Ein Querschnittsvergleich („nachher“) von betroffenen und nicht-betroffenen Unternehmen leidet hingegen am Problem der sogenannten unbeobachteten Heterogenität: die betroffenen Unternehmen unterscheiden sich auch in anderen relevanten Aspekten von den nicht-betroffenen, nicht nur in der Regelung des Mindestlohns. Ein „echtes“ Experiment würde diese Unterschiede per Konstruktion eliminieren. Mit dem Differenz-von-Differenzen-Ansatz hat die empirische Wirtschaftsforschung ein leistungsfähiges Instrument entwickelt, um „quasi-experimentell“ die Effekte wirtschaftspolitischer Maßnahmen abzuschätzen.

Von entscheidender Bedeutung ist bei der Anwendung dieses Verfahrens jedoch die „richtige“ Wahl der Vergleichsgruppe. Sie muss tatsächlich reflektieren, was ohne den Eingriff mit der Gruppe der betroffenen Unternehmen passiert wäre. Mit Blick auf die Studie von Card und Krueger erscheint es durchaus plausibel, dass Fast-Food-„Restaurants“ in zwei geographisch verwandten Bundesstaaten sehr ähnlichen Konjunkturschwankungen unterliegen, dass sie aber andererseits in keiner direkten Konkurrenz stehen, die das Beschäftigungswachstum der Filialen über Bundesstaatsgrenzen hinweg eng miteinander verknüpft. Ihr zentrales Ergebnis, dass Mindestlöhne nur vernachlässigbare Beschäftigungseffekte aufweisen, ist daher ein starkes Argument für die Befürworter von gesetzlichen Lohnuntergrenzen in den USA.

Die viel beachtete Studie von König und Möller wählt als Vergleichsgruppe aber jene Arbeitnehmer in der Bauwirtschaft, deren Verdienst knapp über dem Mindestlohn liegt. Dieses Untersuchungsdesign verletzt die zentrale Annahme, dass die Vergleichsgruppe zeige, was mit der betroffenen Arbeitergruppe ohne Mindestlohnregelung passiert wäre. Denn die Arbeitnehmer in der Vergleichsgruppe sind an der Herstellung desselben volkswirtschaftlichen Produkts beteiligt (Bauleistungen), und somit über Substitutionsbeziehungen eng mit den direkt betroffenen Arbeitern verwoben. Diese Interdependenz wird in der Studie von König und Möller aber bedauerlicherweise nicht berücksichtigt. Dabei dürften diese Substitutionsbeziehungen genau für jene nicht direkt betroffenen Arbeiter besonders relevant sein, deren Verdienst nur knapp über dem Mindestlohnsatz liegt.

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